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Der Papst und der Missbrauch : In den Stürmen dieser Zeit

  • -Aktualisiert am

Großes Interesse und große Wut beim Papstbesuch in Irland: „Der Papst, Kopf des größten Pädophilenrings in der Geschichte der Menschheit“ steht auf dem Plakat eines Mannes. Bild: dpa

Lange Zeit war in Irland Nationalbewusstsein vom Katholizismus kaum zu trennen. Vielleicht war der Vertrauensverlust der Kirche dort deshalb besonders groß. Papst Franziskus muss sich bei seinem Besuch der Kritik stellen.

          Man hat Irland als den „Ground Zero“ der Missbrauchsskandale in der katholischen Weltkirche bezeichnet. Zwar erreichte das globale Kirchenbeben die Grüne Insel erst relativ spät: 2009 stellte eine staatliche Kommission nach monatelangen Untersuchungen in schmerzhafter Klarheit fest, dass über Jahrzehnte Tausende Kinder in katholischen Einrichtungen missbraucht und misshandelt, vergewaltigt und ausgebeutet worden waren. Bis heute haben in Irland mehr als 14.500 Personen Entschädigungen wegen sexuellen Missbrauchs durch katholische Geistliche beantragt.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Schon 2002 war in den Vereinigten Staaten der Missbrauchsskandal in der Erzdiözese Boston aufgedeckt worden, und auch in anderen Ländern hatte es Enthüllungen über serielle Verbrechen von Priestern an Schutzbefohlenen gegeben. Aber in Irland war der Schock über den Vertrauensbruch durch Geistliche und auch durch Ordensfrauen sowie über die habituelle Vertuschung der Verbrechen beispiellos.

          Die katholische Kirche und der Vatikan hatten 1922 buchstäblich Pate gestanden bei der Taufe der unabhängigen Nation Irland. Mehr als 90 Prozent der Iren waren damals katholisch. Das irische Volk ging jeden Sonntag geschlossen zur Messe. Irisches Nationalbewusstsein war vom Katholizismus kaum zu trennen. Fast alle Schulen und Hochschulen, dazu Hospitäler und soziale Einrichtungen standen unter der Kontrolle der katholischen Kirche. Der Staat gehorchte der Kirche aufs Wort, schrieb das Verbot von Abtreibung, Verhütung und Scheidung, dazu von „schmutzigen“ Büchern – darunter die Hauptwerke der modernen irischen Literatur – in die Verfassung.

          Kinderleichen in Massengrab

          Auf den ersten Blick mag es überraschen, dass Johannes Paul II. erst 1979 als erster Papst überhaupt Irland besuchte; und dass es fast weitere vier Jahrzehnte dauerte, bis Franziskus an diesem Wochenende dem „katholischsten Land Europas“ wieder einen Pastoralbesuch abstattete. Aber wozu überhaupt zu den Iren reisen? Diese Überzeugten benötigten keine Bekräftigung ihres Glaubens durch ihren Oberhirten und schon gar keine Bekehrung. In der Konsequenz war nach den Missbrauchsenthüllungen aber auch der Verlust von Vertrauen und von Einfluss für die Kirche in Irland so eklatant wie nirgendwo sonst.

          Wenn also Irland „Ground Zero“ ist, dann ist Tuam „Underground Zero“. Tuam, gegründet Anfang des 6. Jahrhunderts vom Heiligen Jarlath, ist ein beschauliches Städtchen im County Galway im Westen Irlands mit heute rund 3500 Einwohnern. In Tuam, dem Sitz eines Erzbistums, gibt es gleich zwei mächtige Kathedralen aus grauem Granit. Die Stadt ist umgeben von sehr grünem Grasland, auf dem Kühe und Schafe weiden. Die Leute von Tuam sind seit je bezaubert von ihrem Fleckchen Heimaterde. Wenn jemand aus Tuam an die Himmelpforte klopfe, so erzählen sie, dann sage der Engel: „Hier wird es dir nicht gefallen, es ist nicht Tuam.“

          Demonstranten während des Papstbesuches in Irland erinnern an die „gestohlenen“ Kinder von Tuam.

          Doch Tuam ist seit 2014 in Irland weniger als paradiesischer Ort bekannt, sondern wegen eines Massengrabs. Der Weg dorthin, zwischen Athenry Road und Dublin Estate Road, ist nicht leicht zu finden. Früher stand hier das St. Mary’s Mother and Baby Home, betrieben von 1925 bis 1961 von der Congregation of the Sisters of Bon Secours. Das Heim für „gefallene Frauen“, also für unverheiratete Schwangere, und deren Kinder wurde Anfang der sechziger Jahre abgerissen.

          Auf dem ausladenden Grundstück wurden Reihen- und Einfamilienhäuser gebaut. Nur ein sonderbar geschnittenes Stück Land inmitten der Häuser und Gärten, von einer brusthohen Mauer umgeben, blieb als Bauplatz ungenutzt und liegt bis heute brach. Vernachlässigt ist das Gelände aber nicht. Der Rasen ist gemäht, es gibt eine kleine Statue der Jungfrau Maria, davor stehen Hortensien in der Blüte.

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