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Papst-Besuch in Ciudad Juárez : Ein Ort des Leidens

  • -Aktualisiert am

Hochsicherheitsstadt: Polizeipatrouillen in Ciudad Juárez vor dem Besuch des Papstes Bild: Reuters

Ciudad Juárez war bis vor kurzem die Mordkapitale der Welt – mit zehn Fällen an jedem Tag. Jetzt hoffen Mexikos Politiker, dass der Besuch von Papst Franziskus das Image der Grenzstadt aufpoliert.

          „Es war wohl ein Irrtum.“ Eine bessere Erklärung hat Luz Maria Dávila auch sechs Jahre später nicht dafür, dass ihre beiden Söhne tot sind. Marcos, José Luís und fünfzehn Freunde der beiden Teenager wurden am Abend des 30. Januars 2010 aus Versehen erschossen. Eine falsche Adresse, eine Panne im Eifer des Kriegs der Drogenkartelle, eine tragische Fußnote in der Gewaltstatistik von Ciudad Juárez. 3622 Morde wurden 2010 in der Grenzstadt gezählt, zehn pro Tag. Einige Jahre blieb die mexikanische Schwester des texanischen El Paso Mordkapitale der Welt.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Das ist vorbei. Nur noch vierhundert der 1,2 Millionen Einwohner wurden hier in den beiden vorigen Jahren jeweils umgebracht, Plus minus fünfzig, je nachdem, wer zählt. Damit stehen die Überlebenschancen in Ciudad Juárez heute zwar immer noch schlechter als vor zehn Jahren, aber besser als in Dutzenden anderen Städten Lateinamerikas. „Juárez ist Liebe“, verkünden Werbetafeln an den Ausfallstraßen gar. Neben der Parole strahlt der Papst. Denn am Mittwoch beendet Franziskus hier seine Mexiko-Reise mit einer Freiluftmesse am Grenzzaun. Der Besuch aus Rom ist eine große Sache. Viele Leute, die am anderen Ende der vier Brücken in El Paso leben, trauen sich schließlich immer noch nicht, auf einen Tequila oder ein paar Tacos nach Mexiko hinüberzufahren, wie sie es früher selbstverständlich taten. Luz María Dávila freut sich auf den Papst: „Vielleicht verspüre ich in seiner Nähe ein bisschen Ruhe und Frieden.“

          Ermordete Symbole des neuen Mexikos

          Wenn aber die Stadtoberen den Besuch zum Beweis erklären, dass Ciudad Juárez ein Ort wie jeder andere sei, dann guckt sie auf die Fotos ihrer ermordeten „muchachitos“ und schüttelt traurig den Kopf. „Jeden Tag kann es wieder losgehen. Solange die Grenze hier verläuft, so lange hört das nicht auf.“ Dávila hat sich in Ciudad Juárez nie zu Hause gefühlt. Sie war als junge Frau aus der Hauptstadt hergekommen, weil es hier Arbeit gibt. Seit den sechziger Jahren sprießen in einer zollfreien Zone entlang der Grenze „maquiladoras“ aus dem Boden, riesige Fertigungsbetriebe, in denen Unternehmen aus den Vereinigten Staaten und ferneren Ländern Endprodukte und Komponenten zusammennähen, -schrauben oder -löten lassen. „Jetzt muss ich hierbleiben, denn meine Söhne liegen in der Erde von Juárez“, seufzt Dávila. „Und ich darf mich nicht beklagen: Ich habe Arbeit, wir haben dieses Häuschen.“ Zur Autoteilefabrik an der großen Straße kann sie laufen. Mit ihrem Mann und mit den Sachen ihrer Söhne lebt sie in einem gedrungenen Steinhaus am Rande der Arbeitersiedlung Villas de Salvárcar, die von Fabriken und Brachflächen umgeben ist. Vor sechs Jahren musste ihr Mann eine Wand zwischen der engen Küche und dem kleinen Wohnzimmer einreißen, damit die Dávilas ihre Söhne aufbahren konnten.

          Marcos war neunzehn und gehörte zu dem neuen Mexiko, von dem die Politiker gern schwärmen. Als Erster in seiner Familie ging er zur Universität, studierte Internationale Beziehungen und hoffte auf eine Diplomatenkarriere. José Luís war sechzehn und sollte auch studieren. „Wir haben nicht viel, aber dafür reichten unsere Löhne“, sagt die Mutter. Sie war damals erleichtert, dass ihre Söhne nie ausgingen. Wie schnell geriet man in der Stadt in eine Schießerei zwischen den Banden, die sich entweder beim Sinaloa-Kartell verdingt hatten oder bei dessen Erzfeind, dem Juárez-Kartell. Die Jugendlichen von Villas de Salvárcar durften sich abends im leeren Haus einer früheren Nachbarin treffen, die sich nach Texas durchgeschlagen hatte.

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