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Papst Benedikt XVI. : Brutal im Vatikan

Hinter dem Rücken Benedikts XVI. laufen einige Intrigen Bild: dapd

Im Vatikan weiß niemand, wem er noch vertrauen kann. Der Papst ist das Opfer einer Intrige, weil er der klerikalen Vertuschung den Kampf angesagt hat. Selbst um sein Leben wird gefürchtet.

          Kaum eine Institution birgt so viele Mysterien wie die katholische Kirche, kaum ein Gemeinwesen so viele Rätsel wie der Vatikanstaat. Doch das alleine ist nicht der Grund, weshalb die Paläste rings um St. Peter noch heute eine ideale Projektionsfläche für Phantasien jeder Art über Macht, Geld und Sex sind. Denn wie die Vergangenheit bietet auch die Gegenwart Verschwörungstheoretikern, Medienleuten und Romanautoren mehr Stoff als genug. Ausgerechnet jenen Schöngeist auf dem Stuhl Petri, der als Benedikt XVI. der „Entweltlichung“ der Kirche das Wort redet, hat die Weltlichkeit der Kirche nun so brutal eingeholt, dass manche um das Leben des Papstes fürchten.

          Anfang des Jahres wurde ruchbar, dass ein sizilianischer Kardinal namens Romeo während eines Besuches in Peking dem Papst nur noch wenige Monate zu leben gegeben hatte. Eine scheinbar absurde Mutmaßung, doch festgehalten in einem Memorandum, das in perfektem Deutsch verfasst war und dem Papst von jenem Kardinal Castrillón Hoyos überbracht wurde, dem über der Aussöhnung mit der Pius-Bruderschaft entgangen sein wollte, dass deren Bischof Williamson ein Holocaust-Leugner ist. Nicht minder absurd auch das Schicksal eines langjährigen Diplomaten in päpstlichen Diensten namens Viganò, der in der Verwaltung des Vatikanstaates einen Sumpf an Korruption und Misswirtschaft vorfand, mit eisernem Besen zu kehren begann und flugs auf den Botschafterposten in Washington wegbefördert wurde. Was der Erzbischof dem Papst daraufhin zu klagen wusste, war eines Tages haarklein in italienischen Zeitungen nachzulesen.

          Die Augen und Ohren sind überall

          Der Appetit auf Schriftstücke aus den Handakten des Papstes und seiner Vertrauten war so groß, dass gestohlene Dokumente jüngst in Buchform erschienen. Wie viele Informationen noch ihrer Verwendung harren, wird sich zeigen. Denn ausgerechnet während des Pontifikats des ersten Deutschen auf dem Stuhl Petri ist der Vatikan zu einem Ort geworden, an dem nichts und niemand vor unbefugten Ohren und Augen sicher sein kann. Die Auswirkungen dieses Desasters auf die Kommunikation in der Kirche sind schon jetzt mit Händen zu greifen: Niemand weiß, wem er noch vertrauen kann.

          Immerhin wurde vor Monatsfrist der Kammerdiener des Papstes als eine Quelle der Indiskretionen enttarnt: Paoletto hatte über lange Zeit hinweg brisanteste Dokumente mühelos entwenden können. Doch wer den kleinen Paul dazu angestiftet haben könnte, die an Fahrlässigkeit kaum zu überbietende Naivität der Entourage Benedikts auszunutzen, ist weiterhin ein Rätsel.

          Sicher hat das blinde Vertrauen des Papstes in seine Paladine wie den Kardinalstaatssekretär Bertone und seinen Privatsekretär Gänswein auf vielen Fluren des Vatikans zu mittlerweile chronischem Verdruss über die Mischung aus Selbstbewusstsein und Inkompetenz geführt, mit der die Kirche seit Jahren geführt wird. Aber diese Gemütslage ist auch im Verbund mit den üblichen römischen Kabalen und Rivalitäten von anderer Qualität als das Bestreben, dem mittlerweile 85 Jahre alten Papst durch die Zerstörung seiner Intimsphäre so zuzusetzen, dass sein Ableben vor der Zeit befördert wird. Genau aber das ist offenbar das Ziel, weil es nicht nur um Macht geht, sondern auch um Sex und Geld.

          Benedikts Kampfansage

          Denn was immer man über Benedikt sagen kann: Der prinzipienfeste Papst aus Deutschland hat an gleich zwei Tabus gerührt. Sein leises, aber unnachgiebiges Beharren auf Ahndung sexueller Übergriffe von Geistlichen auf Kinder und Schutzbefohlene ist nicht nur eine Kampfansage an eine jahrhundertealte Kultur klerikaler Vertuschung, sondern an jede Form der Missachtung der priesterlichen Lebensform, sei es in Gestalt homosexueller Netzwerke, von denen gerade der Vatikan durchzogen ist wie ein Roquefort mit Schimmel, sei es in Gestalt von Geistlichen jeden Ranges, die sich im Schutz ihrer Macht an Frauen vergehen. Für sie alle ist jeder Tag ein schlechter, an dem dieses Pontifikat noch kein Ende gefunden hat.

          Dasselbe gilt für jene, denen der Papst vor zwei Jahren mit der Gründung einer „Financial Information Authority“ den Kampf angesagt hat. Dieses Gremium soll das undurchdringliche Finanzgeflecht innerhalb des Vatikans so auf Transparenz trimmen, dass Geldwäsche künftig nicht leichter ist als in der gewöhnlichen Bankenwelt. Welche Rolle Ettore Gotti Tedeschi, dem Chef der Vatikanbank, zugedacht war und was er wirklich getan hat, ist bis jetzt ein Rätsel. Aber dass der Opus-Dei-Mann kurz vor der Enttarnung Paolettos wie ein räudiger Hund vom Hof gejagt wurde, deutet darauf hin, dass in der Bank eine der letzten Schlachten geschlagen wird. Eine echte Kampfpause wird aber erst dann eintreten, wenn Benedikts Pontifikat zu Ende geht. Erst dann wird jene Ruhe einkehren, die nötig ist, um alle Spuren zu verwischen, die in das Zwischenreich aus Mafia, Politik und Geistlichkeit weisen.

          Doch gleich wie viel Zeit Benedikt bemessen ist - sein Nachfolger wird vor Aufgaben stehen, deren Bewältigung fast übermenschliche Kräfte erfordert. Im Blick auf die Weltkirche tut ein modernes Regierungssystem not, im Blick auf den Vatikan eine Reform an Haupt und Gliedern.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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