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Panik in Georgien : Ein falscher Krieg im Fernsehen

  • -Aktualisiert am

Vor dem Sender Imedi: Tausende protestierten noch am Samstagabend gegen den falschen Kriegsbericht Bild: dpa

Der vom Präsidenten kontrollierte Fernsehsender Imedi sendet eine fiktionale Reportage über einen abermaligen Einmarsch russischer Truppen und versetzt so die Georgier in Angst und Schrecken. Nun muss sich Saakaschwili rechtfertigen.

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          Am Samstagabend kam der Krieg zwischen Russland und Georgien vollkommen überraschend, ohne dass die Spannungen wie im Sommer 2008 in zahlreichen Scharmützeln und Wortgefechten eskaliert wären. Es handelte sich zum Glück auch nur um einen Fernsehkrieg, um die Inszenierung einer angeblich drohenden Zukunft. Aber das wussten nur jene Georgier, die auch den kurzen Vorspann zur Nachrichtensendung „Kronika“ des Fernsehsenders Imedi gesehen hatten, denn das Spektakel war täuschend echt als „Reportage“ aufbereitet. Während im Fernsehen davon die Rede war, dass wieder ein Krieg zwischen Russland und Georgien ausgebrochen sei, gerieten deshalb Menschen im ganzen Land in Panik.

          Da während der dreißig Minuten dauernden Sendung nicht mehr darauf hingewiesen wurde, dass es sich um eine Fiktion handelte, hielten viele für Wahrheit, was ihnen der von der georgischen Regierung kontrollierte Sender zeigte: Auf den Führer der abtrünnigen georgischen Provinz Südossetien, Eduard Kokojty, sei ein Anschlag verübt worden, hieß es. Die georgischen Oppositionspolitiker Nino Burdschanadse und Zurab Nogajdeli seien danach in die südossetische Hauptstadt Zchinwali gefahren und hätten dort gemeinsam mit Vertretern Russlands die georgische Staatsführung für dieses Verbrechen verantwortlich gemacht. Russlands Präsident Medwedjew habe befohlen, die Gefahr, die vom georgischen Präsidenten Saakaschwili ausgehe, zu neutralisieren. Russische Panzertruppen bewegten sich von Südossetien und Armenien aus auf Tiflis zu. Georgien werde von den Russen bombardiert, die Einwohner von Gori, Tiflis und anderen Städten ergriffen die Flucht. Auch Meldungen, dass es in den Außenbezirken von Tiflis zu Unruhen gekommen sei, dass sich eine „Regierung der nationalen Rettung“ im Zusammenspiel mit den Russen und unter Führung Frau Burdschanadses und Nogajdelis formiere und dass Präsident Saakaschwili ermordet worden sei, ließen sich die Dramaturgen von Imedi einfallen. Es folgte die Erlösung: Saakaschwili lebe und befinde sich an einem sicheren Ort. Dann war die halbe Stunde „Sondersendung“ vorüber.

          „Als Nachrichtensendung getarntet Propagandafilm“

          Während der Sendung brach in Georgien das Mobilfunknetz zusammen, es kam zu Hamsterkäufen, Zuschauer erlitten Herzinfarkte. Die georgische Opposition ist der Überzeugung, dass das Szenario zu der Sendung von Präsident Saakaschwili stammte, der damit die Opposition diskreditieren wolle. Noch am Samstagabend protestierten Tausende in Tiflis vor dem Gebäude von Imedi gegen die Sendung. Frau Burdschanadse kündigte wegen „Kronika“ eine Klage vor Gericht an. Am Sonntag kritisierte Präsident Saakaschwili zwar, es sei während der Sendung versäumt worden, immer wieder darauf hinzuweisen, dass es sich um eine Fiktion handele. Andererseits sei gezeigt worden, was in Georgien durchaus geschehen könne.

          Die georgische Opposition hält Saakaschwili längst zumindest mitverantwortlich für den Ausbruch des Fünftagekriegs im August 2008. Einige Oppositionspolitiker versuchen inzwischen auf eigene Faust, die Möglichkeiten für eine Normalisierung der Beziehungen zu Russland zu erkunden. Burdschanadse und Nogajdeli waren mit diesem Ziel unlängst nach Moskau gereist, wo sie sich mit Ministerpräsident Putin trafen. Saakaschwili, mit dem die russische Führung nicht sprechen will, brandmarkte diese Kontakte als Verrat an den georgischen Interessen.

          Der frühere georgische UN-Botschafter Irakli Alasania, der zur Bürgermeisterwahl in Tiflis als Oppositionskandidat mit guten Aussichten antritt, wurde in der „Kronika“ als „Verräter mit Fragezeichen“ dargestellt, von dem nicht klar sei, ob er der angeblichen „Regierung der nationalen Rettung“ beitreten wolle oder nicht. Alasania, der im Falle eines Wahlsiegs eines der mächtigsten Ämter Georgiens innehätte, teilt die Einschätzung anderer Oppositionspolitiker, dass Saakaschwili im Interesse Georgiens als Präsident zurücktreten müsse. Er vertritt allerdings die Auffassung, dass nur eine neue georgische Staatsführung versuchen solle, wieder mit Russland ins Gespräch zu kommen. Er werde daher nicht nach Moskau reisen, hatte er unlängst mitgeteilt. In einer Erklärung vom Sonntag verurteilte Alasanias „Allianz für Georgien“ den als Nachrichtensendung getarnten Propagandafilm Imedis nicht minder scharf als der Rest der Opposition. Es sei zu hoffen, dass die georgische Zivilgesellschaft und die westlichen Demokratien gemeinsam verhinderten, dass Saakaschwili vor den anstehenden Wahlen versuche, in Georgien Hysterie zu verbreiten.

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