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Ende der Corona-Maßnahmen : Nur die Maske bleibt in Südkorea

Maskentragen war auch vor der Pandemie verbreitet: Szene an einer U-Bahn-Station am Freitag in Seoul Bild: AFP

Südkorea hat gemessen an der Bevölkerungszahl die meisten Corona-Infektionen weltweit. Doch die Regierung lässt die Restriktionen nun fallen.

          2 Min.

          Seit März hält Südkorea einen traurigen Rekord. Das Land führt gemessen an der Bevölkerungsgröße die Liste der Länder mit den meisten Corona-Neuinfektionen an. Dennoch hob die Regierung am Montag fast alle Regeln zur sozialen Distanzierung auf. Zum ersten Mal seit März 2020 sind der Bevölkerung keine Vorschriften mehr für gesellschaftliche Kontakte gesetzt.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Als wichtigste Ausnahme bleibt die begrenzte Maskenpflicht, die schon in zwei Wochen abermals geprüft werden wird. Die Wirkung der Maskenpflicht in Südkorea ist freilich schon jetzt begrenzt. Wie Japaner oder Chinesen sind Südkoreaner an Masken zum Schutz vor schlechter Luft oder vor Erkältungen gewöhnt. Schon in den ersten Monaten der Pandemie trugen sie fast durchgängig Masken, obwohl es damals noch gar keine Pflicht gab.

          Mit der Abschaffung der Corona-Regeln reagiert die Regierung darauf, dass der Höhepunkt der Omikronwelle überschritten ist und die Infektionen zuletzt deutlich sanken. 621.178 Neuinfektionen am Tag hatte Südkorea am 17. März gezählt. Im Siebentagesschnitt waren das mehr als 7800 Infektionen je 1 Million Einwohner – mehr als zweieinhalbmal so viel, wie Deutschland auf dem Höhepunkt seiner Omikronwelle verzeichnet hatte. Am Montag meldete Südkorea nur noch rund 49.500 Neuinfektionen.

          Statistik verzerrt internationalen Vergleich

          Für den internationalen Spitzenplatz reicht das immer noch. Allerdings verzerrt die Statistik den Vergleich. Im Gegensatz zu anderen Ländern hat Südkorea auch während der Omikronwelle systematisch getestet und Neuinfektionen registriert. Das trug zu den extrem hohen offiziellen Infektionszahlen bei. Die medizinische Versorgungslage aber stabilisierte sich. Das Gesundheitsministerium warnte am Montag gleichwohl, dass auch mit Aufhebung der Corona-Regeln die Pandemie noch nicht beendet sei.

          Das Land aber schwenkt im Interesse der Wirtschaft und des gesellschaftlichen Lebens auf ein Leben mit dem Virus um. Den Mut zur Normalisierung hat die Regierung auch deshalb, weil die Impfquote sehr hoch liegt. Mehr als 89 Prozent der Südkoreaner ab dem Alter von 18 Jahren haben schon eine Auffrischungsimpfung erhalten. Seit dieser Woche können Senioren schon den zweiten „Booster“ bekommen.

          Schon in der Frühzeit der Pandemie erregte Südkorea im Februar 2020 internationales Aufsehen, weil eine christliche Sekte mit Kontakten zum chinesischen Wuhan das Virus in die Stadt Daegu eingeschleppt hatte. Mit einer strikten Strategie von Tests, Quarantäne und Nachverfolgung erhielt das Land später viel Lob für eine weitgehend erfolgreiche Bekämpfung des Virus. Bis zur Omi­kronwelle lag die Sieben-Tage-Inzidenz nie höher als 50. Je 1 Million Einwohner zählt Südkorea heute etwa 400 Corona-Tote. In Deutschland sind es fast viermal so viel.

          Vollständigen Lockdown gab es nie

          Einen kompletten Lockdown gab es in Südkorea dennoch nie. Die Beschränkungen des öffentlichen Lebens waren gemäßigter als im Westen. Zu den zeitweise schärfsten Regeln gehörte, dass Re­staurants und Geschäfte einen Impfpass verlangten und sich nur zwei Leute privat treffen durften. Das aber war zuletzt schon Vergangenheit. Trotz der rekordhohen Infektionszahlen waren in den vergangenen Wochen bei sonnigem Wetter Parks gut besucht, zumal die Kirschblüte die Menschen ins Freie lockte.

          Vor allem Restaurants, Bars und kleine Geschäfte erhoffen sich von der Aufhebung der Corona-Regeln wirtschaftliche Besserung. Seit Montag gelten keine Sperrstunden mehr, die zuletzt bei Mitternacht lagen. Mehr als 300 Menschen dürfen sich wieder treffen. Religionsgemeinschaften können ihre Gebetsräume wieder zu 100 Prozent und nicht nur zu 70 Prozent füllen. Auch Unternehmen gehen stufenweise dazu über, wieder mehr Mitarbeiter regelmäßig in die Büros zu bringen. Das Stahlunternehmen Posco etwa hat seit diesem Monat fast alle Mitarbeiter wieder in den Büros. Der Elektronikhersteller LG Electronics lässt nur noch 30 statt zuvor 50 Prozent der Angestellten zu Hause arbeiten.

          Die Regierung plant schon weiter. Covid-19 wird kommende Woche nicht mehr wie Ebola, sondern nur noch wie Tuberkulose oder Cholera eingestuft. Von Ende Mai an müssen Corona-Infektionen nicht mehr umgehend gemeldet werden. Infizierte müssen dann nicht mehr sieben Tage lang in Quarantäne. Geimpfte Einreisende können schon jetzt auf die Quarantäne verzichten.

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