https://www.faz.net/-gpf-xwgc

Palästinensische Jugend : Tunesische Sehnsüchte in Gaza

Genug vom Eingesperrtsein und der Gewalt: Die Jugend in Palästine will Frieden und Freiheit Bild: REUTERS

Sie haben genug von der Hamas, genug von Israel, genug von der Fatah, genug von den Vereinten Nationen. Die „Gaza-Jugend“ wünscht sich nichts mehr als Frieden und Freiheit. Ihre Stimme erhebt sie allerdings bislang nur im Internet - aus Furcht vor der Hamas. Tunesien bewundern sie.

          5 Min.

          Die Studenten vor der Azhar-Universität haben es eilig. Das liegt nicht nur am feuchtkalten Wetter in Gaza-Stadt. Die Vorlesungen sind vorüber, alle haben Prüfungen. Nur für ein Thema bleibt Zeit. „Hoffentlich geht es Mubarak in Ägypten bald wie Ben Ali in Tunesien. Von mir aus können bei uns hier auch Hamas und Fatah verschwinden“, schimpft Ahmed. Der Sturz des tunesischen Präsidenten fasziniert viele junge Palästinenser. Doch statt selbst gegen die herrschenden Islamisten zu demonstrieren, machen sich Ahmed und seine Freunde brav an ihre Prüfungsfragen. „Wenn wir hier anfangen zu protestieren, verhaften sie uns und foltern uns“, sagt der zwanzig Jahre alte Student, bevor er zum nächsten Test eilt.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Mehr als jeder zweite Einwohner des Gazastreifens ist jünger als er. Gut 60 000 Studenten gibt es hier, und jedes Jahr machen mehr als 5000 ihren Abschluss – die meisten, ohne auf eine Stelle hoffen zu können. Die Furcht vor den bärtigen Hamas-Polizisten, die auch an der Straßenkreuzung neben der Universität Autos und Passanten mit strengem Blick mustern, lässt sie nicht völlig verstummen. Im Internet ließ die Facebook-Generation aus Gaza-Stadt schon lange vor der tunesischen Revolution ihrer Verbitterung freien Lauf. „Gaza-Jugend bricht aus“ nennen sich die fünf Männer und drei Frauen, deren „Manifest für den Wandel“ seit bald vier Wochen auf immer mehr Computerbildschirmen erscheint. „Fick Dich, Hamas. Fick Dich, Israel. Fick Dich, Fatah. Fick Dich, UN!“ Mit diesen Worten beginnt der Text, der mehr als 18 000 Unterstützer auf den Facebook-Seiten gefunden hat. Täglich werden es mehr. Ausländische Freunde übersetzten das englische Original in mehr als zwanzig Sprachen; auch auf Chinesisch, Isländisch, Deutsch und Arabisch.

          „Wir haben genug von allem hier in Gaza“

          Man solle ihn Abu George nennen, bittet der junge Student, der gehetzt mit einem Kollegblock unter dem Arm von seiner letzten Prüfung in das karge Büro in einem Hochhaus im Zentrum von Gaza-Stadt kommt. Höflich und in perfektem Englisch mit leicht amerikanischem Akzent entschuldigt er sich beinah für die Anfangssätze. „Wir brauchten diese harten Worte, um Aufmerksamkeit zu erregen. Aber wir haben einfach genug von allem hier in Gaza“, erläutert Abu George, der seinen eigentlichen Namen nicht verrät.

          Gegen die Blockade: Die Papierschiffe sind ein Protestzeichen gegen die Blockade des Gazastreifens durch Israel

          Mit dem großen internationalen Echo nach einem ersten Artikel in der britischen Zeitung „The Observer“ hatten sie nicht gerechnet. „Wir dachten, wir werfen verzweifelt eine Flaschenpost ins weite Meer, die vielleicht irgendwann einer findet“, sagt der Student. In den ersten Wochen tauchten sie deshalb ab – einige von ihnen waren früher schon einmal in Hamas-Gefängnissen misshandelt worden. Der große Zuspruch aus dem Ausland machte sie dann aber ein wenig mutiger. Jetzt sind sie zu konspirativen Treffen zwischen ihren Prüfungsterminen bereit. Wenn Al Dschazira, BBC oder Deutsche Welle sie interviewen, dürfen die Reporter aber nur die Stimmen der Aufsässigen aufnehmen und ihre Köpfe im Halbdunkel von hinten filmen.

          Auf Ewigkeit in Angst

          Weitere Themen

          Woran es der Berliner Bildungspolitik fehlt

          Eine Lehrerin rechnet ab : Woran es der Berliner Bildungspolitik fehlt

          Kampf gegen Windmühlen: In ihrem Buch „Eine Lehrerin sieht Rot“ zeigt Doris Unzeitig, woran es der Berliner Bildungspolitik fehlt – und warum sie nach fünf Jahren an der Spreewald-Grundschule in Schöneberg das Handtuch warf.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.