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Pakistan und die „Causa Usama“ : Unbequeme Fragen, unvorteilhafte Antworten

Bild: afp

Ungemach für Islambad: Warum konnte der meistgesuchte Terrorist der Welt unbehelligt im Garnisonsstädtchen Abbottabad untertauchen? Und warum war die pakistanische Regierung nicht in die amerikanische Operation gegen Usama Bin Ladin eingeweiht?

          3 Min.

          Für die pakistanische Regierung wird die „Causa Usama“ immer peinlicher. Zwei Fragen sind in den Mittelpunkt gerückt, und auf beide gibt es nur unvorteilhafte Antworten: Warum konnte der meistgesuchte Terrorist der Welt unbehelligt im Garnisonsstädtchen Abbottabad untertauchen? Und warum war die pakistanische Regierung nicht in die amerikanische Operation gegen Usama Bin Ladin eingeweiht?

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Präsident Obama hatte sich beim Bekanntgeben der Militäroperation kritische Worte gegenüber Pakistan verkniffen. Das holte wenig später dessen Berater in Antiterrorfragen, John Brennan, nach: Es sei „undenkbar“, dass Bin Ladin ohne Unterstützungssystem in Abbottabad habe unterschlüpfen können, sagte er - und ließ ausdrücklich offen, inwieweit dieses System eine „offizielle Basis“ hatte, also in den Staatsapparat hineinragte.

          Zardari: „Er war nicht dort war, wo wir ihn vermuteten“

          Der pakistanische Präsident Zardari versuchte, diesen Verdacht, der von weniger offiziellen Stellen weitaus unverblümter vorgetragen wird, gleich an der Quelle zu zerstreuen. In einem Beitrag für die „Washington Post“ verwies Zardari auf die Opfer, die Pakistan im Kampf gegen Extremisten gebracht habe, und schrieb, dass Pakistan die Terrororganisation Al Qaida genauso verabscheue wie jedes andere Land.

          Zur Frage, wieso Bin Ladin unbemerkt in einem Anwesen unweit der Hauptstadt leben konnte, bemerkte Zardari indes nur lapidar, dass der Terrorist „nicht dort war, wo wir ihn vermuteten“.

          „Schockierendes Versagen“

          Dies überzeugt nicht alle: „Dass es ihm (Bin Ladin) möglich gewesen sein soll, sich dort ohne jede Mithilfe von unserer Seite zu verstecken, wird den Amerikanern schwer zu verkaufen sein“, kommentierte die pakistanische Tageszeitung „Daily Times“ am Dienstag. Andere Beobachter setzten sich mit den Konsequenzen von Zardaris Eingeständnis auseinander: „Das Versagen, den Aufenthaltsort des meistgesuchten Terroristen ausfindig zu machen, ist schockierend“, schrieb die pakistanische Tageszeitung „The Nation“.

          Schwer fällt Islamabad auch die Darstellung ihrer Rolle beim Zugriff auf Bin Ladin. Am Montag hatten pakistanische Regierungs- und Armeevertreter zunächst Widersprüchliches von sich gegeben und mal von einer rein amerikanischen, mal von einer gemeinsamen Aktion gesprochen. Obama hatte ihnen den Raum dafür gegeben, nachdem er seine Ansprache in diesem Punkt vage gehalten hatte.

          Regierung ahnungslos?

          Beide Varianten bedeuten Ungemach für Islamabad: Eine Beteiligung des pakistanischen Geheimdienstes würde ein großer Teil des Volkes missbilligen; spontane Demonstrationen für Bin Ladin in Quetta und anderswo gaben am Montag einen Eindruck. Eine Regierung, die über Militäroperationen im eigenen Land nicht Bescheid weiß, sammelt aber ebenfalls wenig Punkte - zumal in einer Gesellschaft, die ihre Souveränität in fast neurotischer Weise von Amerika bedroht sieht.

          Zardari versicherte nun in seinem Zeitungsbeitrag, dass die Operation in Abbottabad ohne einheimische Sicherheitskräfte durchgeführt wurde. Das könnte sogar der Wahrheit entsprechen. Denn nachdem es zunächst geheißen hatte, Washington habe zumindest um Hilfe beim Absperren des Operationsgeländes sowie um Überflugrechte gebeten, verdichten sich inzwischen die Hinweise, dass die pakistanische Regierung vollständig im Dunkeln gelassen und erst nach dem Ende der Aktion verständigt wurde.

          „Wir wurden komplett überrascht“

          Ein ISI-Mitarbeiter bestritt gegenüber der britischen BBC, dass vor dem Zugriff auch nur geringste Vorkehrungen von pakistanischer Seite getroffen worden seien; die amerikanischen Hubschrauber, die aus Afghanistan starteten, flogen offenbar unterhalb des pakistanischen Radarschirms nach Abbottabad. „Wir wurden komplett überrascht“, zitierte die BBC ihren Informanten, „sie waren drin und wieder draußen, bevor wir reagieren konnten.“

          Offenbar reichte das amerikanische Vertrauen in die Zusammenarbeit nicht aus, um Islamabad in die Planungen einzubeziehen. Beobachter vermuten dahinter die Sorge, dass Elemente des pakistanischen Geheimdienstes Bin Ladin hätte warnen und so die Operation vereiteln können. Manche Kommentatoren in Pakistan schwanken, was sie mehr empören soll: die Misstrauenskundgebung aus Washington - oder die Verletzung ihres Luftraumes. Andere hofften am Dienstag schlicht darauf, dass irgendwann die wahren Hintergründe ans Licht kommt, was eine Beurteilung erleichtern würde.

          Auch an der amerikanischen Darstellung der Ereignisse wurden am Dienstag Zweifel laut. Die pakistanische Tageszeitung „Dawn“ berichtete von Hinweisen, dass Bin Ladin nicht von amerikanischen Soldaten, sondern von einem seiner Wächter erschossen worden sein soll, um eine Gefangennahme zu verhindern. Die Quelle stammt laut „Dawn“ aus dem pakistanischen Sicherheitsapparat, der noch weitere Informationen - ebenfalls anonym - verbreitete.

          So sollen sich - im Gegensatz zu den amerikanischen Angaben - mindestens 17 Personen auf dem Gelände befunden haben, als sich die Soldaten aus ihren Hubschraubern abseilten. Mindestens elf von ihnen, unter ihnen eine Ehefrau und ein Sohn Bin Ladins sowie mehrere Kinder, seien nach dem Schusswechsel zeitweise festgenommen und gefesselt worden, berichtete ein ISI-Mitarbeiter der BBC. Wegen eines zerstörten Hubschraubers hätte das Einsatzkommando schließlich nur den Sohn Bin Ladins mitgenommen.

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