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Pakistan : Luftangriff schürt antiamerikanische Stimmung

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Ein Vertreter des islamistischen Bündnisses MMA kontra Amerika Bild: REUTERS

Den Stellvertreter Bin Ladins wollten angeblich die Amerikaner in Pakistan treffen - doch das Ziel wurde verfehlt. Dafür sind 18 Menschen, darunter Kinder, Opfer eines Angriffs geworden. Deshalb gibt es Massenproteste gegen Amerika in Pakistan.

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          Eine amerikanische Predator-Drohne soll es gewesen sein, die das Dorf Damadola in Pakistan ins Visier nahm. Nach dem Luftangriff liegen drei Häuser in Schutt und Asche, 18 Menschen sind tot, darunter mehrere Kinder. Amerikanische Medien berichten, der Militärschlag nahe der afghanischen Grenze habe dem Stellvertreter Osama Bin Ladins, dem ägyptischen Arzt Eiman el Sawahiri gegolten. Doch statt zu einem spektakulären Erfolg im Anti-Terror-Kampf könnte die Operation zu einem Debakel für die ohnehin bei vielen Pakistanern verhassten Amerikaner geworden sein - und für ihren treuen Verbündeten, Pakistans Präsidenten Pervez Musharraf.

          Eine offizielle Stellungnahme der Vereinigten Staaten gab es nicht, geschweige denn eine Entschuldigung für die Bombardierung eines immerhin verbündeten Staates. Eine Pentagon-Sprecherin sagte vage, es lägen keine Berichte über Flugzeug-Einsätze in der betroffenen Region vor. Doch die unbemannten Drohnen werden auch vom amerikanischen Geheimdienst CIA verwendet, und der lehnt jede Stellungnahme ab.

          Islamabad: Wir werden den Vorfall untersuchen

          Nach Angaben aus der pakistanischen Armee ist Sawahiri jedenfalls nicht unter den Toten des Luftangriffs, der offenbar auch die pakistanische Regierung aus heiterem Himmel traf. Mehr als 36 Stunden lang hieß es in Islamabad nur, man habe von dem Vorfall gehört und werde ihn untersuchen.

          Demonstranten fordern den „Stopp von Bombardements auf unschuldige Menschen”

          Dann aber ließ die pakistanische Regierung keinen Zweifel daran, wer ihrer Ansicht nach angegriffen hat. Der amerikanische Botschafter wurde einbestellt, ihm wurde eine Protestnote übergeben. Informationsminister Sheikh Rasheed Ahmed sprach von einer „höchst verwerflichen Tat“, das Außenministerium nannte die Opfer „unschuldige Zivilisten“. Ein ranghoher pakistanischer Beamter sagte der „New York Times“ dagegen, unter den Toten seien mindestens elf Extremisten, sieben davon Ausländer. Doch selbst wenn Terroristen getötet wurden: Der eigenmächtige Angriff hat den Volkszorn entfacht, nicht nur gegen die amerikanische Regierung, sondern auch gegen Musharraf.

          Islamisten nutzen den Vorfall für sich aus

          Tausende Menschen strömten am Sonntag in allen größeren pakistanischen Städten auf die Straßen. „Nieder mit den Vereinigten Staaten“ und „Freunde der Vereinigten Staaten sind Verräter“ war auf den Plakaten zu lesen - nicht nur muslimische Extremisten halten Musharraf für wenig mehr als eine Marionette Washingtons. Die mächtigen Islamisten wußten den Angriff umgehend für ihre Zwecke zu nutzen, das islamistische Parteienbündnis MMA war es, das zu den Demonstrationen aufgerufen hatte. Erschreckt dürfte Musharraf beobachtet haben, daß der Aufruf von der Partei MQM offiziell unterstützt wurde - sie gehört eigentlich zu seinen Alliierten.

          Es scheint, als hätten die Vereinigten Staaten die Angelegenheit ohne Rücksicht auf Musharraf und ohne ihre pakistanischen Verbündeten erledigen wollen - die in Sachen el Sawahiri in der Vergangenheit wenig Erfolge zu vermelden hatten. Im März 2004 hatte Islamabad tagelang Spekulationen angeheizt, der Ägypter, der als „Hirn“ und Chefideologe der Terrornetzes gilt, sei bei einer Operation im Stammesgebiet umzingelt worden. Die Euphorie kam zu früh, der Bin-Ladin-Stellverteter wurde nie gefaßt. Offen blieb, ob er überhaupt je vor Ort war.

          Ähnliche Vorfälle in der Vergangenheit

          Doch auch die amerikanischen Streitkräfte im benachbarten Afghanistan mußten in ähnlichen Fällen bereits spektakuläre Fehlschläge einstecken. So bombardierten sie Ende 2003 zwei Häuser, weil sie dort Terroristen vermuteten - 15 afghanische Kinder starben, Terroristen wurden weder getötet noch gefaßt. Der Imageschaden für die in weiten Teilen der afghanischen Gesellschaft ohnehin wenig beliebten amerikanischen Truppen war gewaltig.

          Das passiert nun auch in Pakistan, und Musharrafs Amerika-freundlicher Kurs wird weiter an Rückhalt verlieren. Der pakistanische Präsident dürfte nach Einschätzung von Beobachtern angesichts der jüngsten Bombardierung schäumen. Er hatte stets betont, amerikanische Truppen dürften nicht auf pakistanischem Territorium operieren. Erst vor wenigen Tagen hatte seine Regierung Protest bei den amerikanischen Streitkräften in Afghanistan eingelegt, weil diese über die Grenze hinweg Raketen geschossen haben sollen, acht Pakistaner starben. Der Protest, so scheint es, verhallte ungehört.

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