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Pakistan : Drohnenangriff auf das Establishment

Kommet, Millionen: Tahir ul Qadri Bild: AFP

Die nächste Erlöserfigur? Der Prediger Tahir ul Qadri ruft in Islambad zur „Revolution“ auf und stellt der pakistanischen Regierung ein „Ultimatum“. Es kommt zu Ausschreitungen.

          5 Min.

          Das war sie also, Tahir ul Qadris Bewerbung für den Erlöserposten der pakistanischen Politik. Einen „Marsch der Millionen“ führte er am Ende zwar nicht an, aber Aufsehen hat er reichlich erregt. Zehntausende strömten am Montag in die Hauptstadt Islamabad, um gegen Regierung, Korruption und soziale Ungerechtigkeit zu protestieren. Am Sonntag war der Zug des Predigers in Lahore aufgebrochen. „Wenn ihr nicht herauskommt, wenn ihr es nicht schafft, meine Waffen zu schärfen, dann werden zukünftige Generationen diesen Tag bereuen“, tönte er. Der größte „Tahrir-Platz“ solle entstehen, sagte er in Anspielung auf die Massenproteste in Ägypten.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Regierung hatte Vorkehrungen getroffen. Viel Polizei war auf der Straße, Regierungsgebäude und die ganze Gegend um das Parlament, zu dem die Demonstranten ziehen wollten, wurden abgesperrt. Die meisten Schulen, Büros und Läden wurden geschlossen, später am Tag wurde auch das Mobilfunknetz abgeschaltet.  Qadri hatte seine vor dem Aufbruch Anhänger aufgerufen, friedlich zu bleiben.

          Aufruf zu Revolution

          Nachdem er sehr spät in der Nacht zum Dienstag im Zentrum der pakistanischen  Hauptstadt angekommen war, forderte er die Revolution: „Millionen von Anhängern haben gesprochen. Sie haben euer sogenanntes Mandat zurückgewiesen. Ihr seit nicht länger ihre Repräsentanten”, rief er der Regierung und dem Parlament zu und stellte ihnen Ultimatum bis zum nächsten  Morgen, abzutreten.  „Sonst wird diese Volksversammlung ihre eigenen Entscheidungen treffen.“

          Zunächst verstrich sein Ultimatum folgenlos. Zuvor waren am frühen Dienstagmorgen Zusammenstöße gemeldet worden, als Demonstranten auf die sogenannte Rote Zone zu marschierten , in der das Parlamentsgebäude liegt. Die Polizei setzte Tränengas ein, feuerte Warnschüsse ab, Steine flogen.

          Zunächst blieb es friedlich - dann kam es bei der Demonstration in Islamabad zu Ausschreitungen Bilderstrecke
          Zunächst blieb es friedlich - dann kam es bei der Demonstration in Islamabad zu Ausschreitungen :

          Lange Märsche hat es in Pakistan schon öfter gegeben. Doch bisher war es um konkrete politische Anliegen gegangen - etwa als die Anwälte 2009 gegen die Absetzung des Obersten Richters Iftikhar Chaudry protestierten. Tahir ul Qadri hat ambitioniertere und zugleich vagere Ziele formuliert: Er will die allgegenwärtige Korruption ausmerzen und das „diktatorische“ politische System stürzen, in dem Leute die Gesetze machten, die das Gesetz ständig brächen. In Pakistan wird schon länger über ihn gerätselt. Wie konnte er sich erlauben und wer hat es ihm erlaubt, eine teure, lautstarke Fernsehkampagne für seinen Marsch zu führen? Was treibt ihn an, wer sind die Hintermänner?

          Manche stilisieren ihn zum Hoffnungsträger, andere verdammen ihn als politischen Marodeur, wiederum andere vermuten, er sei womöglich selbst von seinem Erfolg überrascht oder sagen, er werde schon bald von der Bildfläche verschwinden. Noch aber haben die Verschwörungstheorien Hochkonjunktur. Der Prediger ist dabei schon zum Agenten der Amerikaner, des mächtigen Militärs und des Geheimdienstes ISI, Irans, antidemokratischer Kräfte, der Justizbehörden oder des unbeliebten Präsidenten Asi Ali Zardari erklärt worden.

          Ein Unbekannter war der 61 Jahre alte Qadri der politischen Klasse auch vorher nicht. Er hatte 1989 mit mäßigem Erfolg eine eigene Partei ins Leben gerufen. Er schaffte es erst 2002 ins Parlament, gab sein Mandat aber im Streit mit dem damaligen Militärherrscher Pervez Musharraf wieder auf. 1981 hatte Qadri in Lahore seine Bewegung Minhaj-ul-Quran (Weg des Korans) gegründet, die für einen moderaten, friedlichen Islam eintritt und inzwischen in mehr als 90 Ländern vertreten ist. Seit 2005 verbrachte der Prediger, der einen Abschluss in Rechtswissenschaften an der Universität des Punjab gemacht hat, etwa sieben Jahre in Kanada, bevor er unlängst nach Pakistan zurückkehrte.

          Breitseiten gegen die herrschende Klasse

          Doch in den höheren Sphären der pakistanischen Politik war Tahir ul Qadri wie aus dem Nichts aufgetaucht - wie die unbemannten amerikanischen Fluggeräte am Himmel, was wohl ein Grund ist, warum er schon als „politische Drohne“ bezeichnet wurde. Ein anderer Grund dürfte die politische Sprengkraft sein, die seiner Bewegung in diesen Tagen zugerechnet wird. Ende Dezember hatte er nach Schätzungen in der pakistanischen Presse rund 200.000 Anhänger zu einer Veranstaltung mobilisieren können, und wie nervös die Regierung angesichts seines Aufstiegs ist, zeigt sich schon an der scharfen Kritik von Innenminister Rehman Malik, der - ebenfalls nie um einen martialischen Vergleich verlegen - von einem „Selbstmordattentat auf die Demokratie“ sprach.

          Die derzeitige Regierung hat ihren Überlebenskampf so gut wie gewonnen. In den kommenden Wochen wird ohnehin, wie in Pakistan vor Wahlen üblich, mit ihrem Rücktritt gerechnet, und dann könnte sie im Frühjahr die erste Regierung in der Geschichte des Landes sein, die eine komplette Legislaturperiode durchgehalten und eine verfassungsgemäße Machtübergabe geschafft hat. Nach Einschätzung von Beobachtern in Islamabad ist der Überlebenswillen so groß, dass die politischen Verhandlungen über die Bildung der vorgesehenen Übergangsregierung fast unüblich konstruktiv verliefen.

          Tahir ul Qadri könnte nun mit seiner Kampagne zumindest die politischen Institutionen weiter beschädigen. Ihnen vertraut in Pakistan ohnehin kaum jemand. Qadri will aber, dass die Regierung sofort abtritt, ein Übergangskabinett, bei dessen Bildung die Justiz und das Militär ein gewichtiges Wort mitreden dürfen, sowie Neuwahlen. Er trifft mit seinen Breitseiten gegen die herrschende Klasse einen empfindlichen Nerv in der Bevölkerung, nicht zuletzt in der Mittelschicht. Denn die ist schon lange frustriert - über die quasifeudalen Zustände, in denen die korrupte Elite, die meist weder Steuern noch ihre Stromrechnungen zahlt, die einfachen Leute auspresst. Über die taumelnde Wirtschaft, die explodierenden Preise für Nahrungsmittel und Treibstoff, über Stromausfälle, die inzwischen fast einen ganzen Tag andauern können, über die ständigen Terroranschläge, die das Land erschüttern.

          Die Niederungen der Parteipolitik

          So richtet sich die Hoffnung schnell auf Leute, die Wandel versprechen - Leute wie Tahir ul Qadri. Er spricht als Prediger außerdem jene pakistanischen Muslime an, die der großen Gruppe der Barelwi angehören. Das ist eine südasiatische Richtung des Islams, der zwar bei einer vermeintlichen Beleidigung des Propheten Muhammad auch gewalttätiger Volkszorn nicht fremd ist. Aber die Barelwi sind offen gegenüber Heiligenverehrung und anderen islamischen Strömungen, etwa den Schiiten. Anders als die Islamisten, die der gestrengen puritanischen Lehre der Deobandi folgen. Die Deobandi, auf deren Lehren sich auch die Taliban berufen, sind zwar in der Minderheit, aber anders als die Barelwi sind sie durch Klientelparteien auch politisch vertreten.

          2010 erregte Qadri Aufsehen, als er in einem etwa 600 Seiten umfassenden islamischen Rechtsgutachten, einer Fatwa, islamistische Terroristen „die schlimmsten Feinde des Islams“ nannte. „Ich habe vor niemandem Angst“, sagte er damals dem Fernsehsender CNN. Und eine solche Haltung passt in Zeiten, in denen eine landesweite Welle der Solidarität mit der schiitischen Minderheit über das Land rollt. Die Schiiten haben in Quetta erst am Montag ihren Protest beendet und die Todesopfer der blutigen Terroranschläge vom Ende vergangener Woche begraben. Präsident Zardari entließ den Gouverneur der Provinz Belutschistan, deren Hauptstadt Quetta ist.

          Eine ähnliche Solidarisierung mit einem Opfer der radikalen Islamisten hatte es zuletzt im Oktober gegeben, und diese hatte einem Mitbewerber Qadris politisch zugesetzt: Imran Khan, Cricket-Idol und Populist, war zuvor gleichermaßen der Hoffnungsträger der politikverdrossenen städtischen Mittelschicht und im religiösen Milieu gewesen. Er hatte öffentlichkeitswirksam für Friedensverhandlungen mit den Taliban geworben. Seine Kampagne gegen die amerikanischen Drohnenangriffe wurde von der öffentlichen Empörung überlagert, die sich an dem Mordversuch der Taliban an der 14 Jahre alten Aktivisten Malala Yousafzai entzündete. Außerdem hat Imran Khan derzeit keine Zeit für Stadionauftritte, weil er sich die Mühe macht, in die Niederungen der Parteipolitik hinabzusteigen, um seine Bewegung für die anstehende Parlamentswahl zu rüsten. Man sollte ihn aber nicht abschreiben, er ist schon länger im Geschäft als Tahir ul Qadri. Noch ist die Erlöserstelle vakant.

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