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Pakistan : Drohnenangriff auf das Establishment

Kommet, Millionen: Tahir ul Qadri Bild: AFP

Die nächste Erlöserfigur? Der Prediger Tahir ul Qadri ruft in Islambad zur „Revolution“ auf und stellt der pakistanischen Regierung ein „Ultimatum“. Es kommt zu Ausschreitungen.

          Das war sie also, Tahir ul Qadris Bewerbung für den Erlöserposten der pakistanischen Politik. Einen „Marsch der Millionen“ führte er am Ende zwar nicht an, aber Aufsehen hat er reichlich erregt. Zehntausende strömten am Montag in die Hauptstadt Islamabad, um gegen Regierung, Korruption und soziale Ungerechtigkeit zu protestieren. Am Sonntag war der Zug des Predigers in Lahore aufgebrochen. „Wenn ihr nicht herauskommt, wenn ihr es nicht schafft, meine Waffen zu schärfen, dann werden zukünftige Generationen diesen Tag bereuen“, tönte er. Der größte „Tahrir-Platz“ solle entstehen, sagte er in Anspielung auf die Massenproteste in Ägypten.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Regierung hatte Vorkehrungen getroffen. Viel Polizei war auf der Straße, Regierungsgebäude und die ganze Gegend um das Parlament, zu dem die Demonstranten ziehen wollten, wurden abgesperrt. Die meisten Schulen, Büros und Läden wurden geschlossen, später am Tag wurde auch das Mobilfunknetz abgeschaltet.  Qadri hatte seine vor dem Aufbruch Anhänger aufgerufen, friedlich zu bleiben.

          Aufruf zu Revolution

          Nachdem er sehr spät in der Nacht zum Dienstag im Zentrum der pakistanischen  Hauptstadt angekommen war, forderte er die Revolution: „Millionen von Anhängern haben gesprochen. Sie haben euer sogenanntes Mandat zurückgewiesen. Ihr seit nicht länger ihre Repräsentanten”, rief er der Regierung und dem Parlament zu und stellte ihnen Ultimatum bis zum nächsten  Morgen, abzutreten.  „Sonst wird diese Volksversammlung ihre eigenen Entscheidungen treffen.“

          Zunächst verstrich sein Ultimatum folgenlos. Zuvor waren am frühen Dienstagmorgen Zusammenstöße gemeldet worden, als Demonstranten auf die sogenannte Rote Zone zu marschierten , in der das Parlamentsgebäude liegt. Die Polizei setzte Tränengas ein, feuerte Warnschüsse ab, Steine flogen.

          Zunächst blieb es friedlich - dann kam es bei der Demonstration in Islamabad zu Ausschreitungen Bilderstrecke

          Lange Märsche hat es in Pakistan schon öfter gegeben. Doch bisher war es um konkrete politische Anliegen gegangen - etwa als die Anwälte 2009 gegen die Absetzung des Obersten Richters Iftikhar Chaudry protestierten. Tahir ul Qadri hat ambitioniertere und zugleich vagere Ziele formuliert: Er will die allgegenwärtige Korruption ausmerzen und das „diktatorische“ politische System stürzen, in dem Leute die Gesetze machten, die das Gesetz ständig brächen. In Pakistan wird schon länger über ihn gerätselt. Wie konnte er sich erlauben und wer hat es ihm erlaubt, eine teure, lautstarke Fernsehkampagne für seinen Marsch zu führen? Was treibt ihn an, wer sind die Hintermänner?

          Manche stilisieren ihn zum Hoffnungsträger, andere verdammen ihn als politischen Marodeur, wiederum andere vermuten, er sei womöglich selbst von seinem Erfolg überrascht oder sagen, er werde schon bald von der Bildfläche verschwinden. Noch aber haben die Verschwörungstheorien Hochkonjunktur. Der Prediger ist dabei schon zum Agenten der Amerikaner, des mächtigen Militärs und des Geheimdienstes ISI, Irans, antidemokratischer Kräfte, der Justizbehörden oder des unbeliebten Präsidenten Asi Ali Zardari erklärt worden.

          Ein Unbekannter war der 61 Jahre alte Qadri der politischen Klasse auch vorher nicht. Er hatte 1989 mit mäßigem Erfolg eine eigene Partei ins Leben gerufen. Er schaffte es erst 2002 ins Parlament, gab sein Mandat aber im Streit mit dem damaligen Militärherrscher Pervez Musharraf wieder auf. 1981 hatte Qadri in Lahore seine Bewegung Minhaj-ul-Quran (Weg des Korans) gegründet, die für einen moderaten, friedlichen Islam eintritt und inzwischen in mehr als 90 Ländern vertreten ist. Seit 2005 verbrachte der Prediger, der einen Abschluss in Rechtswissenschaften an der Universität des Punjab gemacht hat, etwa sieben Jahre in Kanada, bevor er unlängst nach Pakistan zurückkehrte.

          Breitseiten gegen die herrschende Klasse

          Doch in den höheren Sphären der pakistanischen Politik war Tahir ul Qadri wie aus dem Nichts aufgetaucht - wie die unbemannten amerikanischen Fluggeräte am Himmel, was wohl ein Grund ist, warum er schon als „politische Drohne“ bezeichnet wurde. Ein anderer Grund dürfte die politische Sprengkraft sein, die seiner Bewegung in diesen Tagen zugerechnet wird. Ende Dezember hatte er nach Schätzungen in der pakistanischen Presse rund 200.000 Anhänger zu einer Veranstaltung mobilisieren können, und wie nervös die Regierung angesichts seines Aufstiegs ist, zeigt sich schon an der scharfen Kritik von Innenminister Rehman Malik, der - ebenfalls nie um einen martialischen Vergleich verlegen - von einem „Selbstmordattentat auf die Demokratie“ sprach.

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