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Pakistan : Drohnenangriff auf das Establishment

Die derzeitige Regierung hat ihren Überlebenskampf so gut wie gewonnen. In den kommenden Wochen wird ohnehin, wie in Pakistan vor Wahlen üblich, mit ihrem Rücktritt gerechnet, und dann könnte sie im Frühjahr die erste Regierung in der Geschichte des Landes sein, die eine komplette Legislaturperiode durchgehalten und eine verfassungsgemäße Machtübergabe geschafft hat. Nach Einschätzung von Beobachtern in Islamabad ist der Überlebenswillen so groß, dass die politischen Verhandlungen über die Bildung der vorgesehenen Übergangsregierung fast unüblich konstruktiv verliefen.

Tahir ul Qadri könnte nun mit seiner Kampagne zumindest die politischen Institutionen weiter beschädigen. Ihnen vertraut in Pakistan ohnehin kaum jemand. Qadri will aber, dass die Regierung sofort abtritt, ein Übergangskabinett, bei dessen Bildung die Justiz und das Militär ein gewichtiges Wort mitreden dürfen, sowie Neuwahlen. Er trifft mit seinen Breitseiten gegen die herrschende Klasse einen empfindlichen Nerv in der Bevölkerung, nicht zuletzt in der Mittelschicht. Denn die ist schon lange frustriert - über die quasifeudalen Zustände, in denen die korrupte Elite, die meist weder Steuern noch ihre Stromrechnungen zahlt, die einfachen Leute auspresst. Über die taumelnde Wirtschaft, die explodierenden Preise für Nahrungsmittel und Treibstoff, über Stromausfälle, die inzwischen fast einen ganzen Tag andauern können, über die ständigen Terroranschläge, die das Land erschüttern.

Die Niederungen der Parteipolitik

So richtet sich die Hoffnung schnell auf Leute, die Wandel versprechen - Leute wie Tahir ul Qadri. Er spricht als Prediger außerdem jene pakistanischen Muslime an, die der großen Gruppe der Barelwi angehören. Das ist eine südasiatische Richtung des Islams, der zwar bei einer vermeintlichen Beleidigung des Propheten Muhammad auch gewalttätiger Volkszorn nicht fremd ist. Aber die Barelwi sind offen gegenüber Heiligenverehrung und anderen islamischen Strömungen, etwa den Schiiten. Anders als die Islamisten, die der gestrengen puritanischen Lehre der Deobandi folgen. Die Deobandi, auf deren Lehren sich auch die Taliban berufen, sind zwar in der Minderheit, aber anders als die Barelwi sind sie durch Klientelparteien auch politisch vertreten.

2010 erregte Qadri Aufsehen, als er in einem etwa 600 Seiten umfassenden islamischen Rechtsgutachten, einer Fatwa, islamistische Terroristen „die schlimmsten Feinde des Islams“ nannte. „Ich habe vor niemandem Angst“, sagte er damals dem Fernsehsender CNN. Und eine solche Haltung passt in Zeiten, in denen eine landesweite Welle der Solidarität mit der schiitischen Minderheit über das Land rollt. Die Schiiten haben in Quetta erst am Montag ihren Protest beendet und die Todesopfer der blutigen Terroranschläge vom Ende vergangener Woche begraben. Präsident Zardari entließ den Gouverneur der Provinz Belutschistan, deren Hauptstadt Quetta ist.

Eine ähnliche Solidarisierung mit einem Opfer der radikalen Islamisten hatte es zuletzt im Oktober gegeben, und diese hatte einem Mitbewerber Qadris politisch zugesetzt: Imran Khan, Cricket-Idol und Populist, war zuvor gleichermaßen der Hoffnungsträger der politikverdrossenen städtischen Mittelschicht und im religiösen Milieu gewesen. Er hatte öffentlichkeitswirksam für Friedensverhandlungen mit den Taliban geworben. Seine Kampagne gegen die amerikanischen Drohnenangriffe wurde von der öffentlichen Empörung überlagert, die sich an dem Mordversuch der Taliban an der 14 Jahre alten Aktivisten Malala Yousafzai entzündete. Außerdem hat Imran Khan derzeit keine Zeit für Stadionauftritte, weil er sich die Mühe macht, in die Niederungen der Parteipolitik hinabzusteigen, um seine Bewegung für die anstehende Parlamentswahl zu rüsten. Man sollte ihn aber nicht abschreiben, er ist schon länger im Geschäft als Tahir ul Qadri. Noch ist die Erlöserstelle vakant.

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