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Pakistan : Der Wendepunkt

Bild: dpa

Das Massaker an 132 Schulkindern in Peshawar hat Pakistan wachgerüttelt. Die Hoffnungen der Bevölkerung ruhen auf dem Militär. Doch sind Politik und Armee wirklich in der Lage, den islamistischen Extremismus zu besiegen?

          7 Min.

          Seit dem Massaker in der Armeeschule in Peshawar führt Jibran Nasir seinen ganz eigenen kleinen Kampf gegen den Terror. Nicht im schwer zugänglichen Grenzgebiet zu Afghanistan, wo jene Täter vermutlich ausgebildet wurden, die vor knapp sechs Wochen 132 Schüler und neun Erwachsene heimtückisch ermordet haben. Sondern mitten im Zentrum der pakistanischen Hauptstadt Islamabad, unweit des Diplomatenviertels. Der 29 Jahre alte Jurist aus Karachi hat sich einen mächtigen Gegner ausgesucht: Maulana Abdul Aziz Ghazi, den Imam der Roten Moschee, der den Taliban nahesteht und einst beste Verbindungen zu Al Qaida unterhielt.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          „Das ist die Nagelprobe“, sagt Nasir, ein junger Mann mit stechenden schwarzen Augen. Einmal hat er sich vergeblich um einen Sitz im Parlament beworben. Nasir sagt, solange ein Hassprediger wie Ghazi, dessen Koranschülerinnen kürzlich auf Youtube ihre Bewunderung für den „Islamischen Staat“ verkündet haben, von der Polizei unangetastet bleibe, so lange könne der Kampf gegen den Extremismus in Pakistan nicht erfolgreich sein. Also hat Nasir eine Mahnwache vor der Moschee und Demonstrationen gegen Ghazi organisiert. Er hat auf Facebook und Twitter die Hassreden des Klerikers dokumentiert und mehrere Klagen gegen ihn eingereicht. Tausende haben sich seinen Aktionen angeschlossen.

          Nasir sitzt im Hipster-Café Moqqa in Islamabad und steht mächtig unter Druck. Er dreht und wendet sein Handy zwischen den Fingern, tätigt mitten im Gespräch kurze Anrufe, spricht ein, zwei Sätze in den Hörer, legt wieder auf und sagt dann Sätze wie: „In mein früheres Leben kann ich eh nicht mehr zurück.“ Das endete an jenem 16. Dezember, als neun Männer mit Sturmgewehren in die vollbesetzte Aula der Armeeschule im 200 Kilometer entfernten Peshawar eindrangen und wie in einem Videospiel die Schüler Reihe für Reihe niedermetzelten.

          Nasir war an jenem Tag auf einem Dokumentarfilmfestival in Islamabad. Irgendwann kam jemand in den Saal und sagte, der Ministerpräsident habe drei Tage Staatstrauer angeordnet. Wie so viele Pakistaner war Nasir tief geschockt von den Ereignissen. „Ich fühlte mich hilflos, elend und sehr, sehr klein als Pakistaner und als Mensch.“ Dann hörte er ein Interview, in dem Maulana Ghazi es ablehnte, das Blutbad von Peshawar zu verurteilen. Da habe er seine Mission gefunden. Kurz darauf erhielt Nasir einen Drohanruf von den Taliban. Die Aufzeichnung des Gesprächs hat Nasir im Internet veröffentlicht. Seither schläft er jede Nacht an einem anderen Ort. Jeden Abend schaut er sich die Bilder der zerfetzten Kinderleichen von Peshawar an, die Augenzeugen in sozialen Netzwerken hochgeladen haben. „Ich muss diese Bilder ansehen, um den Schmerz zu spüren, der mich antreibt“, sagt Nasir.

          Pakistan hat schon viele Terroranschläge erlebt. Seit 2001 sind den Dschihadisten nach offiziellen Angaben mehr als 50000 Pakistaner zum Opfer gefallen. Fast täglich gibt es Meldungen über neue Anschläge, und im nächsten Moment sind sie vergessen. Diesmal ist das anders. Fast sechs Wochen nach dem Anschlag sitzt der Schock noch immer tief. Weil die Terroristen es bewusst auf Kinder abgesehen hatten, weil die Zahl der Opfer so hoch ist wie bei kaum einem Anschlag zuvor und weil es die Kinder des mächtigen Militärs traf.

          Viele in Pakistan sprechen jetzt von einem Wendepunkt, einem Schlüsselmoment im Kampf gegen den militanten Extremismus. Sätze wie „Regierung und Armee ziehen erstmals an einem Strang“ sind überall zu hören. Die politische Klasse erscheint geeint zu sein wie selten. Die stärkste Oppositionspartei PTI, die bis dahin über Monate mit Massenprotesten die Hauptstadt Islamabad lahmgelegt hatte, um den Rücktritt von Ministerpräsident Nawaz Sharif zu erzwingen, stellte umgehend ihren Widerstand ein. Binnen einer Woche erarbeitete eine Allparteienkonferenz einen Zwanzig-Punkte-Plan gegen Extremismus. Darin wurden auch sensible Themen wie eine Regulierung von Koranschulen und ein Vorgehen gegen Hassprediger nicht ausgespart. Sharif versprach „Null Toleranz“ und erklärte, es werde „keine Unterscheidung zwischen guten und schlechten Taliban“ geben. Das wäre eine bemerkenswerte Abkehr von der jahrzehntelangen Praxis, militante Gruppen für außenpolitische Ziele in den Nachbarländern Afghanistan und Indien einzusetzen. Doch reicht der politische Wille wirklich aus, um den Extremismus in Pakistan mit der Wurzel auszureißen?

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