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Pakistan : Auf wessen Seite stehen sie?

  • -Aktualisiert am

Blick auf Islamabad Bild: dapd

Nach wie vor dienen die pakistanischen Grenzgebiete den Taliban als Rückzugsort, werden sie von hier aus mit Waffen versorgt, medizinisch versorgt und finanziell unterstützt. Der Westen aber pumpt Geld in eine Elite und Armee, von der wir nicht wissen, ob sie für oder gegen uns kämpft.

          Auf dem wichtigsten Kriegsschauplatz des vergangenen Jahres, dort, wo wir unsere Sicherheit verteidigen, sind 2010 mehr als 700 Isaf-Soldaten gefallen, weit mehr als in allen vorangegangenen neun Kriegsjahren. Selbst in Amerika, wo der Krieg in Afghanistan nicht von vornherein unpopulär war wie hierzulande, schwindet die Unterstützung. Mehr als die Hälfte der Amerikaner meinen mittlerweile, dass die menschlichen Opfer und die Kosten von 100 Milliarden Dollar pro Jahr nicht mehr gerechtfertigt sind.

          „Der Krieg, den wir gewinnen müssen“, nannte Barack Obama Afghanistan, während er zugleich seinen zunehmend kriegsmüden Landsleuten den Abzug versprach. Wie sollte das zusammengehen? Mit einer kurzfristigen massiven Truppenverstärkung. Doch die Bilanz nach einem Jahr ist unklar wie so vieles in dieser Weltgegend: Erfolge in einigen, Rückschritte in anderen Teilen des Landes.

          Entscheidend aber ist, dass es dort, wo Obama zu Beginn seiner Amtszeit die Schicksalsfrage für Afghanistan ausgemacht hatte, so gut wie keine Fortschritte gibt: in Pakistan. „Afpak“ hatten Obamas Leute die neue Strategie getauft und damit gemeint, dass der Kampf gegen die Taliban und Al Qaida nicht nur am Hindukusch, sondern auch in den pakistanischen Stammesgebieten, den engen Gassen der einschlägigen Viertel pakistanischer Großstädte und in den Regierungsstuben von Islamabad geführt werden muss. Ob man das auch in Berlin so sieht, ist nicht ganz klar. Außenminister Guido Westerwelle war Pakistan in seiner jüngsten Regierungserklärung zu „Fortschritten und Herausforderungen“ in Afghanistan nur eine Randbemerkung wert.

          Einfluss sichern

          Inzwischen ist der Begriff „Afpak“ diskret auf dem Müllhaufen der Geschichte verschwunden, weil sich die stolzen Pakistaner nicht mit ihren rückständigen Nachbarn in einem Atemzug nennen lassen wollten. Der Begriff verschwand, die Wirklichkeit blieb. Und Washingtons Strategie hat keine bedeutende Änderung bewirkt. Nach wie vor dienen die pakistanischen Grenzgebiete den Taliban als Rückzugsort, werden sie aus Pakistan mit Waffen versorgt, in pakistanischen Krankenhäusern behandelt, laufen die Finanzströme zu ihrer Unterstützung durch Pakistan.

          Die Führung in Islamabad verspricht dem Westen Zusammenarbeit und schürt zugleich im Innern die antiwestlichen Ressentiments. Der pakistanische Geheimdienst liefert den Amerikanern Hinweise für ihre Drohnenangriffe in den Stammesgebieten und prangert zugleich diese Angriffe an. In den Stammesgebieten kämpft die pakistanische Armee gegen die Aufständischen - und lässt sie gleichzeitig gewähren. Und die Verhaftungen einiger führender Taliban zu Beginn dieses Jahres dienten offenbar vor allem dazu, Islamabads Einfluss auf die geplanten Verhandlungen des Westens mit den Taliban zu sichern.

          Schlechtes Verhalten wird belohnt

          So pumpt der Westen Milliarden und Abermilliarden in eine korrupte pakistanische Elite und eine Armee, von der wir nicht wissen, ob sie für oder gegen uns kämpft. Oder besser: von der wir wissen, dass sie sowohl mit als auch gegen uns kämpft.

          Welches Interesse sollte Islamabad auch haben, dem Westen zu helfen? Zwei Milliarden Dollar an ziviler und militärischer Hilfe haben die Herrschenden gelehrt, dass schlechtes Verhalten belohnt wird. Und schließlich sieht Pakistan die Islamisten als mögliche Kampftruppe gegen Indien und als Faustpfand für den Tag des westlichen Rückzugs aus Afghanistan.

          In Berlin wie in Karachi

          Dieser angekündigte Rückzug erweist sich als immer fataler. Die Fortschritte in einigen Provinzen, die möglicherweise der Truppenaufstockung zu verdanken sind, werden durch ihn in Frage gestellt. Die Bevölkerung rechnet damit, dass die westlichen Truppen bald abziehen. Folglich ist es schwer, sie für Bündnisse gegen die Aufständischen zu gewinnen, die im Irak so entscheidend waren. Und die Taliban wissen, dass sie den Krieg aussitzen können.

          Dass wir in Afghanistan also möglicherweise selbst unser Minimalziel nicht erreichen werden - von der Demokratisierung des Landes ganz zu schweigen - ist das eine. Wirklich beängstigend ist, dass unsere Sicherheit mehr denn je zuvor mit dem Schicksal Pakistans verknüpft ist, eines Atomstaates mit 170 Millionen Einwohnern, in dem immer weniger von einer politischen Ordnung die Rede sein kann. Zuletzt führte die Spur der Terrorwarnungen in Deutschland im November nach Pakistan. Seither gleicht das Berliner Regierungsviertel den Hochsicherheitszonen von Karachi und Islamabad. Überall stehen Polizisten mit Maschinenpistolen, sind Plätze und Straßen abgesperrt, Sicherheitskontrollen, Mannschaftswagen mit Sicherheitskräften, Patrouillen.

          In Washington sieht man mittlerweile ziemlich klar, dass es nicht gelingen wird, die pakistanische Politik im westlichen Sinn zu beeinflussen. Wäre es wirklich so viel schlimmer, diese Weltgegend wieder sich selbst zu überlassen? Zumindest könnte man es einmal damit versuchen, den Geldhahn zuzudrehen.

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