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150 Jahre Kanada : Stolz auf den Mangel an Stolz

Der See Magog am Berg Mount Assiniboine, mit 3618 Metern der höchste Gipfel im südlichen Teil der kanadischen Rocky Mountains. Er liegt in der Provinz British Columbia an der Küste des Pazifischen Ozeans. Der Name der Provinz leitet sich vom Fluss Columbia ab. Hauptstadt ist Victoria. Bild: Picture-Alliance

Kanada feiert seinen 150. Geburtstag. Vor genau anderthalb Jahrhunderten wurde das Land, das heute das zweitgrößte der Erde ist, gegründet. Ihre Identität finden viele Kanadier aber nicht in der Geschichte, sondern in der Abgrenzung zum Nachbarn.

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          Die Stadt Ottawa richtet sich darauf ein, dass am Samstag fast eine halbe Million Kanadier auf den Parlamentshügel strömen, um das große Geburtstagsständchen mitzuerleben. In Toronto dürfen sich Einwohner und Touristen auf die größte Gummiente der Welt freuen: Sie ist quietschgelb, hoch wie ein Sechsetagenhaus und soll exakt 150 Jahre nach der Gründung Kanadas in den Hafen der Millionenmetropole einlaufen. Zigtausende Kanadier zwischen Vancouver und Neufundland werden am „Canada Day“ Zeremonien besuchen, wo sie auf Englisch und Französisch einen Eid nachsprechen sollen, um ihre Zugehörigkeit zu diesem Land zu „bekräftigen“: ihre Untertanentreue zu Königin Elisabeth und deren Erben, ihre Gesetzestreue gegenüber dem kanadischen Recht und ihre staatsbürgerlichen Pflichten. Nur dass diese Nation genau jetzt genau anderthalb Jahrhunderte alt sein soll, das leuchtet vielen Kanadiern nicht ein.

          Der See Magog am Berg Mount Assiniboine, mit 3618 Metern der höchste Gipfel im südlichen Teil der kanadischen Rocky Mountains. Er liegt in der Provinz British Columbia an der Küste des Pazifischen Ozeans. Der Name der Provinz leitet sich vom Fluss Columbia ab. Hauptstadt ist Victoria. Bilderstrecke
          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Es steht zwar außer Frage, dass am 1. Juli 1867 der „British North America Act“ in Kraft trat, der mit Billigung von Königin Viktoria aus ursprünglich drei Kolonien einen Bundesstaat mit zunächst vier Provinzen und dem Namen „Dominion of Canada“ machte. Doch den meisten Intellektuellen des Landes gilt das heute nur noch als eine historische Wegmarke unter vielen. Es gehe doch nur um ein Dokument, lästerte der Schriftsteller Stephen Marche in der „New York Times“, welches „ein Haufen alter weißer Männer unterzeichnet hat, um ein paar vom britischen Empire beherrschte Provinzen in einer schwammigen und übellaunigen Union zu verbinden – ohne die geringste Berücksichtigung oder Beteiligung der Ureinwohner“.

          Ein angeblich 150. Geburtstag

          Zum einen haben viele der Völker, die heute in mehr als 600 anerkannten „First Nations“ organisiert sind, das kanadische Staatsterritorium schon vor Tausenden Jahren bevölkert. Die europäischen Siedler wurden meist mit offenen Armen empfangen, begannen im 19. Jahrhundert aber trotzdem große Assimilierungskampagnen – in denen sich nicht etwa die Neuankömmlinge anpassen, sondern die „Indianer“ unterwerfen sollten. Das schlechte Gewissen über diese kolonialistischen Ursünden prägt Kanadas nationale Identität viel stärker als in den Vereinigten Staaten. Dieses Jahr mindert es die Lust vieler Bürger, einen angeblichen 150. Geburtstag ihres Landes zu feiern.

          Zum anderen wähnen viele Kanadier ihre Nation viel jünger. Erst in den sechziger Jahren verzichtete das Land auf den Union Jack und flaggte das rote Ahornblatt. Als Nationalhymne löste „O Canada“ erst 1980 „God Save the Queen“ ab, und den entscheidenden Sprung in die nationale Souveränität (innerhalb des Commonwealth) machte das Land noch zwei Jahre später. Da erst „patriierte“ Kanada die Verfassung, verschaffte sich also das Recht, sein Grundgesetz ohne britische Zustimmung zu ändern, und setzte eine „Kanadische Charta der Rechte und Freiheiten“ in Kraft. Nähme man das als Geburtsstunde des heutigen Kanadas, so wäre jetzt eine schmissige Party zum Fünfunddreißigsten angesagt.

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