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Ost- und Westukraine : Sollbruchstelle durch ein ganzes Land

Anders liegen die Dinge in den ostukrainischen Industriegebieten und im Süden mit der Krim. Die Schwarzmeerküste war bis zum 18. Jahrhundert stark muslimisch geprägt. Osmanen und Tataren gaben hier den Ton an, und erst unter Zarin Katharina der Großen richtete das russische Reich hier Mitte des 18. Jahrhunderts eine bleibende Herrschaft auf. Seither sind die Schwarzmeerküste mit den großen Städten Odessa und Sewastopol russisch geprägt – und eben nicht ukrainisch, weil die Eroberung ja von russischen Truppen und Generälen vorgenommen wurde. Vor allem Sewastopol,  das mehrmals – im Krimkrieg von 1853 bis 1856 und dann wieder im Zweiten Weltkrieg blutig gegen fremde Eroberer verteidigt werden musste, hat einen festen Platz im Pantheon der großrussischen Heldensagen.

Eine „Sowjetunion im Kleinen“

Die besondere Mentalität des russisch sprechenden Ostens hat dagegen in der Zeit der Industrialisierung unter Stalins Herrschaft ihre Wurzeln. Die Millionenstädte dieser Region, vor allem Charkiw und Donezk, wurden damals forciert entwickelt; aus der ganzen Sowjetunion kamen Arbeitsbrigaden, die Löhne waren höher als anderswo, und die Läden waren besser ausgestattet. Die Einwanderer verdrängten die ukrainische Sprache, und es entstand eine Industrieregion, die manche als eine „Sowjetunion im Kleinen“ beschrieben haben.

Trotz der Vorherrschaft des Russischen und der starken Verwurzelung „sowjetischer“ Denkmuster im Osten und Süden sind diese Regionen in den vergangenen  Jahren nicht offen separatistisch gewesen. Die großen Oligarchen, die sie beherrschten, hatten zwar mit ukrainischem Patriotismus nichts zu schaffen, aber sie wussten, dass ihre Wirtschaftsinteressen mindestens ebenso im Westen lagen wie in Russland. Vor allem wollten sie lieber Herren im eigenen Lande sein, als das Schicksal russischer Oligarchen zu erleiden, die – Michail Chodorkowskij an der Spitze – von Putin entmachtet und eingekerkert worden sind.

Vierzig Prozent der Bevölkerung unentschieden

Eine Umfrage aus dem Jahr 2012, dem Jahr der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine und in Polen, als die Oligarchenherrschaft hier ihren Höhepunkt erreicht hatte, zeigt denn auch ein gemischtes Bild. Im Osten hatten damals immerhin 49 Prozent der Befragten die Unabhängigkeit der Ukraine unterstützt. Separatistische Ideen befürwortete in Ost und Süd damals nur  jeder zehnte Befragte.

Wenn jetzt von einer Spaltung der Ukraine die Rede ist oder gar von einer Rückkehr zu Russland, wird es auf jene etwa 40 Prozent der Ukrainer ankommen, die sich damals nicht festgelegt hatten. Das Schicksal der Ukraine wird davon abhängen, ob sie sich in der gegenwärtigen Konfliktlage von „russischen“ Großmachtmythologien mobilisieren lassen, oder ob sie die neue Führung in Kiew davon überzeugen kann, dass in einer europäischen Ukraine auch sie willkommen sind.

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