https://www.faz.net/-gpf-97nov

Zivilisten in Ost-Ghouta : Assad spielt mit hohem Einsatz

„Für die Moral ist es wichtig, dass die Menschen bleiben“: Raketeneinschlag im Rebellengebiet östlich von Damaskus Bild: AFP

Die Zivilisten im syrischen Ost-Ghouta stehen vor der Wahl, zu bleiben oder sich dem Regime auszuliefern. Die Frage könnte über ihr Leben entscheiden – und über die Schlacht.

          4 Min.

          Fünf Stunden Ruhe, neunzehn Stunden Bombardement – was ist denn das für eine Waffenruhe?“, fragt Doktor Saker. „Das ist doch verrückt, ich kann darin weder Gerechtigkeit noch Logik sehen.“ Der Arzt aus Ost-Ghouta, den umkämpften Vororten östlich von Damaskus, versucht verzweifelt, die Opfer der Luftangriffe zu behandeln, die so schlimme Verletzungen hätten, wie er es sein Leben noch nicht erlebt habe. Er versucht, zu überleben, dem Hunger zu trotzen, den stetig schwindenden Vorräten an Medikamenten und Verbandszeug. Aber fliehen will er nicht. „Was die Leute brauchen, ist nicht Vertreibung, sondern ein Ende des Massakers“, fordert er. Es könne doch nicht darum gehen, ihre Wurzeln herauszureißen. „Die Leute sind entschlossen, in ihren Häusern, bei ihren Familien und Nachbarn zu bleiben“, sagt auch ein örtlicher Journalist. Nach all den Jahren des Widerstands würden sie nicht so einfach aufgeben und zu Flüchtlingen werden – wie die Leute aus Aleppo es geworden seien, die jetzt unter erbärmlichen Umständen lebten.

          Christoph Ehrhardt
          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Worte wie diese erklären, warum die Menschen trotz Hunger und Bomben nicht in Massen durch die „humanitären Korridore“ fliehen, die der russische Präsident Wladimir Putin täglich einrichten lässt. Die syrische Staatspresse hat zwar berichtet, es stünden Krankenwagen für die Verletzten bereit. Der Transport in Notunterkünfte nahe der Hauptstadt sei organisiert. Aber diese liegen im Reich Baschar al Assads. Die Leute in Ost-Ghouta trauen dem Regime in Damaskus nicht, das ihre Heimat seit Jahren belagert und bombardiert.

          Rebellen sprechen von „Zwangsvertreibung“

          Als der syrische Präsident Ende 2016 mit russischer Hilfe die Häuserblöcke der aufständischen Viertel im Osten Aleppos aus der Luft dem Erdboden gleichmachte, hatte Moskau ebenfalls solche Korridore eingerichtet. Am Anfang fand die Flucht nur in der russisch-syrischen Propaganda statt. Später, als Erschöpfung und Verzweiflung zunahmen und der sichere Tod näherrückte, brachen die Menschen auf. Der Widerstand der Rebellenbrigaden fiel in sich zusammen, Chaos brach aus, Zivilisten irrten durch umkämpfte Straßen, gerieten ins Kreuzfeuer. Am Ende wurde in Aleppo derselbe Handel geschlossen wie in anderen belagerten Regionen zuvor: Die Aufständischen gaben auf und wurden mit den verbliebenen Zivilisten fortgebracht.

          Die Geschichten von damals über Menschen, die verschwanden, und über junge Männer, die für Assads Streitkräfte zwangsrekrutiert wurden, sind bis nach Ghouta vorgedrungen. Die Leute dort wissen auch, dass Geschäftsleute in Damaskus in diesen Tagen über Mittelsmänner Häuser und Grund in den eingekesselten Vorstädten erwerben – für die Zeit nach dem Krieg. Es kommt nicht von ungefähr, dass es immer wieder heißt: Was in Aleppo passierte, dürfe sich nicht in Ost-Ghouta wiederholen. Die islamistischen Rebellengruppen, die dort das Sagen haben, sprechen wie auch die zivile Selbstverwaltung von „Zwangsvertreibung“.

          Islamisten regieren mit harter Hand

          Es ist nicht so, dass die Menschen in Ghouta in Freiheit lebten, nachdem sie das Regime vertrieben hatten. Die „Armee des Islams“ und die „Brigade der Barmherzigen“ herrschen mit harter Hand, verfolgen Andersdenkende, lösten in der Vergangenheit Proteste gegen Willkür und Korruption gewaltsam auf. Die Islamisten beschießen Wohnviertel in Damaskus mit Granaten. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat kritisiert, die „Armee des Islams“ lasse nur ausgewählte Personen die Grenze ihres Herrschaftsgebietes passieren und habe gelegentlich Leute unter Arrest genommen, die eine entsprechende Genehmigung einholen wollten. Wer in ruhigeren Tagen die Erlaubnis hatte, die Front zu queren, setzte sich der Bedrohung durch Minen und Scharfschützen aus – und durch aggressive, unberechenbare Posten auf beiden Seiten. Als „menschliche Schutzschilde für Terroristen“, wie es die Propaganda des Regimes und seiner Alliierten behauptet, sehen sich Leute wie Doktor Saker aber bei weitem nicht.

          „Russland stellt die Operationen in Ost-Ghouta – wie auch die in Aleppo – dar, als handle es sich um eine Antiterroroffensive, wie sie die von Amerika angeführte Koalition gegen den ,Islamischen Staat‘ führt“, sagt ein westlicher Diplomat. „Moskau kann so mit dem Finger auf Washington zeigen und sagen: Ihr habt es doch in Mossul genauso gemacht, auch dort gab es doch zivile Opfer.“ Natürlich sei das ein zynisches Spiel und die Situation in Ost-Ghouta eine andere.

          Zivilisten dienen als Schutzschild

          Die Angriffswellen der vergangenen Tage haben gezeigt, dass Zivilisten als Schutzschilde nicht viel wert gewesen wären. Zivile Einrichtungen wie Krankenhäuser werden wie in Aleppo gezielt unter Feuer genommen, um den Druck auf die Kämpfer zu erhöhen und ihnen eine neue Front zu eröffnen. Ein oppositionsnaher syrischer Beobachter, der gut in den Reihen der Assad-Gegner vernetzt ist, glaubt, dass es für die aufständischen Milizen in Ghouta eine große Gefahr wäre, sollten die Zivilisten fliehen. „Für die Moral ist es enorm wichtig, dass sie bleiben“, sagt er. Noch herrscht nach seinen Worten Hoffnung in den islamistischen Brigaden und unter ihren ausländischen Förderern, dass die Rebellen den Sturm überstehen können. Das Regime hat zwar die Verteidigungsanlagen weitgehend ausgespäht, wie Militärbeobachter berichten. Reporter der Assad-treuen Sender referieren schon die Gesamtlänge der Tunnel. Dennoch dürfte eine Bodenoffensive mit hohen Verlusten verbunden sein. Die Vorstöße der vergangenen Tage waren eher verlust- als erfolgreich. Auch während voriger Offensiven sind die Truppen des syrischen Machthabers am Widerstand der Aufständischen gescheitert.

          Die Islamistenmilizen in Ost-Ghouta stehen einer Übermacht gegenüber. Assad spielt dort jetzt mit hohem Einsatz, wirft viele seiner eigenen, ausgezehrten Streitkräfte in die Schlacht. „Die Hoffnung der Rebellen ist, dass das Regime steckenbleibt und irgendwann auch die Rückendeckung seiner Alliierten verliert“, sagt der syrische Beobachter. „Aber eine Massenflucht von Zivilisten würde ihnen schnell das Rückgrat brechen.“ Trotz ihrer Willkürherrschaft seien die Rebellenmilizen nach ihrer eigenen Erzählung Beschützer der Menschen vor dem Regime und der Revolution. „Und es ist für den Einzelnen viel schwieriger, für eine leere Geisterstadt zu kämpfen als für den Schutz von Familien und Freunden.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine Solarthermie-Anlage auf dem Dach wird mit einer Flüssiggasheizung kombiniert.

          Nachhaltig Wohnen : Unruhe unter Dämmern

          Die Dämmstoffindustrie ist alarmiert. Bauminister rücken von der einseitigen Ausrichtung an der Gebäudedämmung ab. Die Koalitionäre in Berlin sprechen von technologieoffenen Maßnahmen. Ein Paradigmenwechsel steht an.
                        Bald in der Luftwaffe? Eine amerikanische F-18 beim Katapultstart vom Flugzeugträger USS Carl Vinson

          Nukleare Teilhabe : Poker um den Atom-Bomber

          Nach der Einigung im Koalitionsvertrag muss entschieden werden: Sollen amerikanische Bomber oder deutsche Eurofighter in Zukunft die nukleare Teilhabe sichern?
          Demonstranten knien in Frankfurt vor einer Polizeikette

          Impfgegner und Anthroposophie : Höhere Einsichten dank Rudolf Steiner?

          Nach eigener Einschätzung verfügen sie über Spezialwissen, das allen anderen abgeht. Die Milieus der Anthroposophen und der „Querdenker“ haben viele Berührungspunkte. In der Pandemie macht das vieles schwerer.