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Zivilisten in Ost-Ghouta : Assad spielt mit hohem Einsatz

„Für die Moral ist es wichtig, dass die Menschen bleiben“: Raketeneinschlag im Rebellengebiet östlich von Damaskus Bild: AFP

Die Zivilisten im syrischen Ost-Ghouta stehen vor der Wahl, zu bleiben oder sich dem Regime auszuliefern. Die Frage könnte über ihr Leben entscheiden – und über die Schlacht.

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          Fünf Stunden Ruhe, neunzehn Stunden Bombardement – was ist denn das für eine Waffenruhe?“, fragt Doktor Saker. „Das ist doch verrückt, ich kann darin weder Gerechtigkeit noch Logik sehen.“ Der Arzt aus Ost-Ghouta, den umkämpften Vororten östlich von Damaskus, versucht verzweifelt, die Opfer der Luftangriffe zu behandeln, die so schlimme Verletzungen hätten, wie er es sein Leben noch nicht erlebt habe. Er versucht, zu überleben, dem Hunger zu trotzen, den stetig schwindenden Vorräten an Medikamenten und Verbandszeug. Aber fliehen will er nicht. „Was die Leute brauchen, ist nicht Vertreibung, sondern ein Ende des Massakers“, fordert er. Es könne doch nicht darum gehen, ihre Wurzeln herauszureißen. „Die Leute sind entschlossen, in ihren Häusern, bei ihren Familien und Nachbarn zu bleiben“, sagt auch ein örtlicher Journalist. Nach all den Jahren des Widerstands würden sie nicht so einfach aufgeben und zu Flüchtlingen werden – wie die Leute aus Aleppo es geworden seien, die jetzt unter erbärmlichen Umständen lebten.

          Christoph Ehrhardt
          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Worte wie diese erklären, warum die Menschen trotz Hunger und Bomben nicht in Massen durch die „humanitären Korridore“ fliehen, die der russische Präsident Wladimir Putin täglich einrichten lässt. Die syrische Staatspresse hat zwar berichtet, es stünden Krankenwagen für die Verletzten bereit. Der Transport in Notunterkünfte nahe der Hauptstadt sei organisiert. Aber diese liegen im Reich Baschar al Assads. Die Leute in Ost-Ghouta trauen dem Regime in Damaskus nicht, das ihre Heimat seit Jahren belagert und bombardiert.

          Rebellen sprechen von „Zwangsvertreibung“

          Als der syrische Präsident Ende 2016 mit russischer Hilfe die Häuserblöcke der aufständischen Viertel im Osten Aleppos aus der Luft dem Erdboden gleichmachte, hatte Moskau ebenfalls solche Korridore eingerichtet. Am Anfang fand die Flucht nur in der russisch-syrischen Propaganda statt. Später, als Erschöpfung und Verzweiflung zunahmen und der sichere Tod näherrückte, brachen die Menschen auf. Der Widerstand der Rebellenbrigaden fiel in sich zusammen, Chaos brach aus, Zivilisten irrten durch umkämpfte Straßen, gerieten ins Kreuzfeuer. Am Ende wurde in Aleppo derselbe Handel geschlossen wie in anderen belagerten Regionen zuvor: Die Aufständischen gaben auf und wurden mit den verbliebenen Zivilisten fortgebracht.

          Die Geschichten von damals über Menschen, die verschwanden, und über junge Männer, die für Assads Streitkräfte zwangsrekrutiert wurden, sind bis nach Ghouta vorgedrungen. Die Leute dort wissen auch, dass Geschäftsleute in Damaskus in diesen Tagen über Mittelsmänner Häuser und Grund in den eingekesselten Vorstädten erwerben – für die Zeit nach dem Krieg. Es kommt nicht von ungefähr, dass es immer wieder heißt: Was in Aleppo passierte, dürfe sich nicht in Ost-Ghouta wiederholen. Die islamistischen Rebellengruppen, die dort das Sagen haben, sprechen wie auch die zivile Selbstverwaltung von „Zwangsvertreibung“.

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