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Anschlag in Oslo : Trauer unter dem Regenbogen

Der norwegische Ministerpräsident Jonas Gahr Støre am Sonntag im Osloer Dom Bild: dpa

Norwegen trauert nach dem Anschlag auf einen in der Schwulenszene beliebten Club. Der mutmaßliche Täter schweigt.

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          Im Dom von Oslo ist der Altar am Sonntag mit Regenbogenfahnen geschmückt. Die Menschen sind gekommen, um der Opfer des Anschlags am Samstagmorgen zu gedenken, der Ministerpräsident Jonas Gahr Støre ist da und auch Kronprinzessin Mette-Marit. Die Dekanin Anne-May Grasaas erzählt, dass man hier im Dom noch am Freitag eine Regenbogenmesse begangen habe.

          Matthias Wyssuwa
          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Man habe gefeiert, dass man die Freiheit habe, diejenigen zu lieben die man lieben wolle, zitiert sie der norwegische Rundfunk. Groß sei nun am Sonntag, nur zwei Tage später, aber der Kontrast. „Heute sind unsere Gedanken bei allen Betroffenen und alle queeren Menschen, die in Angst leben“, sagt sie. Man habe sich in Trauer, Verzweiflung und Ohnmacht versammelt.

          Zwei Tote und 21 Verletzte

          Gut einen Tag nach einem mutmaßlich islamistischen Anschlag in der norwegischen Hauptstadt sitzt der Schock tief. Zwei Männer starben, einer war in seinen Fünfzigern, der andere in seinen Sechzigern. 21 Menschen wurden verletzt. Und der mutmaßliche Täter war den Sicherheitsdiensten schon lange bekannt, auch das dürfte das Land noch länger beschäftigen. Schon als 2011 bei einem rechtsextremen Terroranschlag in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen getötet worden waren, gab es neben der Trauer bald intensive Diskussionen über mögliche Fehler der norwegischen Sicherheitsbehörden.

          Es war 1.14 Uhr am Samstagmorgen, als die Polizei erste Meldungen über Schüsse in der Innenstadt erhielt. Sie fielen vor dem „London Pub“, einem in der Schwulenszene beliebten Club, und in der nahen Umgebung. Wenige Minuten später konnte die Polizei mit der Hilfe von Passanten den Tatverdächtigen überwältigen und festnehmen. Zwei Schusswaffen wurden sichergestellt.

          Bilder aus der Nacht zeigen schwer bewaffnete Polizisten vor Absperrbändern. Auf einem umarmen sich junge Menschen, und einer schwenkt die Regenbogenfahne. Es war die Nacht vor der geplanten Pride-Parade in Oslo. Wenige Stunden nach der Tat wurde die Parade abgesagt. Die Veranstalter teilten mit, die Polizei habe ihnen das empfohlen. Am Samstagnachmittag zogen trotzdem einige Tausende Menschen durch die Straßen Oslos und schwenkten Regenbogenfahnen. Vor dem Tatort legten viele Teilnehmer Blumen nieder.

          Polizisten untersuchen am Samstag in Oslo den Ort, an dem in der Nacht zwei Menschen durch Schüsse getötet und mehrere verletzt wurden.
          Polizisten untersuchen am Samstag in Oslo den Ort, an dem in der Nacht zwei Menschen durch Schüsse getötet und mehrere verletzt wurden. : Bild: via REUTERS

          Die norwegischen Sicherheitsdienste hatte da längst Informationen zum mutmaßlichen Täter veröffentlicht. Der 42 Jahre alte Zaniar M. hat einen norwegischen Pass und iranische Wurzeln. Früh schon war er in Konflikt gekommen mit dem Gesetz, gegen ihn war bereits wegen schwerer Körperverletzung und Drogenbesitzes ermittelt worden. Der norwegische Inlandsgeheimdienst PST teilte mit, dass man ihn schon seit 2015 beobachte. Man stufe die Tat als islamistischen Terroranschlag ein, die Terrorwarnstufe im Land wurde von drei auf die höchste Stufe fünf erhöht.

          „Lange Geschichte von Gewalt und Drohungen“

          M. habe eine „lange Geschichte von Gewalt und Drohungen“ aufzuweisen, sagte der Chef des norwegischen Inlandsgeheimdienstes, Roger Berg. Er sei wegen seiner möglichen Radikalisierung beobachtet worden, und wegen seiner Zugehörigkeit zu einem Islamisten-Netzwerk. Erst im Mai sei er von Ermittlern vernommen worden. Allerdings seien die zu dem Ergebnis gekommen, dass er keine „gewaltsamen Absichten“ hege. Gegen den Mann wird nun wegen Mordes, versuchten Mordes und Terrors ermittelt. Auch die psychische Gesundheit von M. soll untersucht werden, um die Schuldfähigkeit zu klären.

          Am Sonntag teilte die Polizei mit, dass bislang zwei Versuche gescheitert seien, M. zu vernehmen. Er habe demnach versucht, Vorgaben für die Vernehmung zu machen: er habe der Ton- und Bildaufzeichnung nur zustimmen wollen, wenn alles auch vollständig gesendet werde. Sein Verteidiger sagte norwegischen Medien, sein Mandant fürchte, dass die Polizei seine Aussagen sonst manipuliere.

          Die Polizei ist bei dem Motiv für die Tat auch noch zurückhaltend. Sie teilte mit, es sei noch zu früh, um sich festzulegen. Ein Hassverbrechen sei eine Hypothese, ebenso wie radikaler Islamismus oder eine psychische Krankheit. Auch eine Kombination davon sei denkbar, teilte die Polizei mit. Die Wohnung des Tatverdächtigen wurde durchsucht, Telefone beschlagnahmt und es wird ermittelt, mit wem M. Kontakte hatte und wie eng diese waren. So berichten norwegische Medien, dass M. auch Kontakt zu einem bekannten Islamisten im Land gehabt haben soll. Dieser habe erst vor gut einer Woche auf seiner Facebook-Seite eine brennende Regenbogen-Fahne gepostet zusammen mit einem Zitat, in dem er zur Ermordung von Homosexuellen aufgerufen habe.

          Als Jonas Gahr Støre, der Ministerpräsident, am Sonntag das Wort im Dom ergreift, sagt er, die Schießerei habe der Pride-Parade ein Ende gesetzt am Samstag. Aber sie habe nicht den Kampf gegen Vorurteile, Diskriminierung und Hass gestoppt. Er forderte die Menschen in Norwegen auf, sich von Extremismus zu distanzieren und warnte vor Spaltung, Minderheiten dürften nicht gegen Mehrheiten gestellt werden.

          „Ich möchte mich an alle Muslime Norwegens wenden“, sagt er. „Ich weiß, dass viele von Ihnen Angst haben, nach einer Tat verdächtigt zu werden, die so weit von Ihren Werten entfernt ist.“ Er wolle ihnen sagen: „Wir sind eine Gemeinschaft. Wir stehen zusammen.“

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