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Judentum und Orient : Die andere Hälfte Israels

  • -Aktualisiert am

Verfolgt von dem Gefühl, abhängig zu sein: Ein junger Jude in Nevitot im Süden Israels. Bild: Reuters

Die orientalisch-jüdische Bevölkerung in Israel war lange eine Randgruppe. Nun wird sie immer mehr zum Machtfaktor. Die Politik hat die Entwicklungsstädte längst für sich entdeckt.

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          Wüstenstaub weht über die Straße, die dem Sand und der Hitze abgetrotzt wurde. Verkehrszeichen warnen vor querenden Kamelen. Linker Hand nähert sich der Abzweig zur Nuklearanlage Dimona, rechts führt der Asphalt durch Geröll auf ein graues Oval von eng beisammenstehenden Wohnblöcken. Die Entwicklungsstadt Jerucham erscheint. Hierher sind die Juden aus den arabischsprachigen Ländern nach der Gründung Israels gebracht worden. Gegen ihren Willen, erinnert sich Alis Chaliba, die 1959 aus Casablanca über Frankreich nach Israel kam. Da war sie zwölf. „Meine Eltern wussten nicht, wohin wir in dem Bus gefahren wurden“, sagt Chaliba im Gemeindehaus von Jerucham. „Meine Eltern wollten nach Jerusalem, stattdessen wurden wir in Baracken in der Wüste ausgesetzt.“ Jerucham ist nicht Jerusalem. Die Regierung verfolgte strategische Ziele: Sie wollte auch den Süden Israels jüdisch bevölkern und so mitten im Negev eine erste Verteidigungslinie gegen Ägypten schaffen. Freiwillig ging niemand in die Wüste.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Für David Ben Gurion waren die Orientalen dabei nur ein dürftiger Ersatz für die ermordeten europäischen Juden gewesen, so der Historiker Tom Segev in seiner neuen Biographie über den israelischen Staatsgründer. „Wir sind ihnen fremd und sie uns“, schrieb Ben Gurion. „Ihr kulturelles Niveau ist niedrig.“ Die „aschkenasischen“, also die europäischen, Juden sah Ben Gurion den anderen Juden überlegen: „Eine quasi ,hohe Rasse‘, die aschkenasische, hat sich herausgebildet, steht praktisch an der Spitze des ganzen Volkes, und daneben eine ,niedrigere‘ orientalische Rasse.“ Später bereute Ben Gurion solche Sätze. „Mizrahim“ werden Juden genannt, die aus muslimischen Ländern im Nahen Osten und Nordafrika stammen, darunter fallen auch sefardische Juden, deren Wurzeln ins mittelalterliche Spanien und Portugal zurückverfolgt werden können. Nach dem israelisch-arabischen Krieg und der Vertreibung Hunderttausender Palästinenser aus dem neugegründeten Israel wurden sie in den arabischen Ländern verfolgt. In Marokko etwa leben heute von einst 250.000 Juden nur noch wenige tausend.

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