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„Organspenden“ in China : Zu gesund, um zu leben?

Dem Organhandel auf der Spur: David Matas (l.) und David Kilgour Bild: REUTERS

Zwei Kanadier behaupten, Falun-Gong-Mitglieder würden in China umgebracht, um ihnen Organe zu entnehmen. Mehr als eine lange Indizienkette können sie nicht liefern. Doch auch Peking trägt nicht wirklich zur Aufklärung bei.

          China ist an der Weltspitze - unter anderem auch bei „Hinrichtungen“. Über die genaue Zahl der vollstreckten Todesurteile streiten Pekinger Regierung und Menschenrechts-Organisationen. Aber selbst wenn man die höchste kolportierte Zahl annimmt, tut sich in einer Hinsicht eine Differenz auf, die einen den Schauer des Entsetzens den Rücken hinunterjagt.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          China hat vor einiger Zeit zugegeben, dass Hingerichteten Organe entnommen wurden. Auf diese Weise, so die offizielle Lesart, könnten die Verbrecher sogar noch etwas für die Allgemeinheit tun. Außerdem sei „nach Möglichkeit“ das Einverständnis des Todeskandidaten eingeholt worden. Wie auch immer man sich das vorstellen mag, auch ein zum Tode Verurteilter hat nur zwei Nieren, eine Leber und so weiter.

          Ohne Prozess verhaftet und einfach umgebracht

          Auf dem „Markt“ in China sind aber sehr viel mehr Organe. Und die Bereitschaft zur freiwilligen Organspende sei, sagt zum Beispiel der jetzt im Exil lebende ehemalige chinesische Diplomat Zhang Erping, kaum vorhanden. Zwei Kanadier versuchen seit einiger Zeit dem Organhandel in China auf den Grund zu gehen. David Matas, ein Anwalt, und David Kilgour, ehemaliger Staatssekretär im kanadischen Außenministerium, haben einen Bericht zusammengestellt.

          Die beiden behaupten darin, Mitglieder der Falun-Gong-Organisation würden gezielt - und ohne jemals einen Gerichtssaal von innen gesehen zu haben - verhaftet und anschließend umgebracht, um ihnen Organe entnehmen zu können. Sie haben, das betonen sie im Gespräch immer wieder, eine lange Indizienkette zusammengestellt. Beweise im strengen Sinn konnten sie selbstverständlich nicht beibringen, denn China erlaubt aus naheliegenden Gründen keine Befragungen im Land. Dass die sehr eifrige Öffentlichkeitsarbeit von Falun Gong die Akzente etwas anders setzt, ist aus Sicht der Organisation wahrscheinlich verständlich. Dass Falun Gong massiven Verfolgungen ausgesetzt ist, ist unstrittig.

          Fürstliche Entlohnung für makabre Tätigkeit

          Das Unglück fing am 25. April 1999 in Peking an. Tausende Falun-Gong-Anhänger demonstrierten öffentlich. Danach setzte die Repression ein. Tausende wurden verhaftet und misshandelt. Die Kommunistische Partei fühlte sich anscheinend durch eine Organisation, die sie nicht unmittelbar kontrollierte, in ihrem Allmachtsanspruch bedroht, obwohl Falun Gong immer wieder hervorhebt, vollkommen unpolitisch zu sein.

          Eine neue Dimension erreichte nach den Recherchen Kilgours und Matas' die Verfolgung dann etwa im Jahre 2001. In ihrem Bericht zitieren sie die Aussage eines chinesischen Arztes. Dieser habe seiner Ehefrau gestanden, in einem Krankenhaus etwa 2000 Gefangenen die Augen-Netzhaut entfernt zu haben. Die Opfer seien getötet worden. Nach zwei Jahren wollte der Arzt nicht mehr, obwohl er für seine makabre Tätigkeit fürstlich entlohnt worden war.

          Fördern Meditationsübungen die Gesundheit?

          Bei der Lektüre des kanadischen Berichts fragt man sich unwillkürlich, warum gezielt Falun-Gong-Anhänger zur Organentnahme ausgesucht worden sein sollen. Es wäre ja möglich, dass sie lediglich wegen ihrer großen Zahl von den Maßnahmen betroffen worden sind. Zhang Erping hat eine Antwort. Er erinnert sich an die erste Hälfte der neunziger Jahre, als er noch im Dienst der Volksrepublik arbeitete. Damals habe die Regierung Falun Gong als Teil der jahrtausendealten chinesischen Kultur dargestellt. Die Meditationsübungen förderten die Gesundheit. Das spare dem staatlichen Gesundheitssystem viele Millionen.

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