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„Organspenden“ in China : Zu gesund, um zu leben?

Der damalige Ministerpräsident Zhu Rongji habe sich sehr erfreut darüber gezeigt und gesagt, das gesparte Geld könne das Land nutzbringend auf anderen Gebieten einsetzen. Falun-Gong-Praktizierende sind also besonders gesund. Deshalb, so die Organisation, seien ihre Organe besonders wertvoll. Und da für Transplantationen gesunde Organe gebraucht würden, werde die von der Führung als „böser Kult“ diffamierte Falun-Gong-Organisation durch Mord zwecks Organentnahme gezielt bekämpft.

Geständnis eines Arztes als große Ausnahme

Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International oder Human Rights Watch äußern sich zu diesem Punkt zurückhaltend. Zwar hält man in China vieles für möglich. Aber es gebe nun einmal keine belastbaren Beweise, heißt es. Wie sollte es sie auch geben, halten dem die Autoren des kanadischen Untersuchungsberichts entgegen. Das Geständnis des Augenarztes sei die große Ausnahme. Und selbst dieser sei nicht bereit, das jetzt öffentlich zu wiederholen.

Aber die große Zahl der Organe, die potentiellen Spendern angeboten würden, spreche eine ziemlich eindeutige Sprache. Für ihren Bericht haben Kilgour und Matas angebliche Patienten in chinesischen Krankenhäusern anrufen lassen, um sich nach den Möglichkeiten zu erkundigen. Man habe diesen „Patienten“ zugesichert, innerhalb einer Woche die jeweils gewünschten Organe zur Verfügung stellen zu können. Sie bräuchten nur zu kommen. So etwas, so die Kanadier, könne nur garantieren, wer nicht auf freiwillige Spender angewiesen sei.

Kein einziger „Spender“ überlebte den Eingriff

Kilgour erwähnt das Beispiel eines Mannes, der zur Transplantation einer Niere nach Schanghai gereist sei. Man habe ihm acht Organe zur Auswahl angeboten. Erst beim achten Versuch habe das Organ „gepasst“. Auf den Einwand, eine Nierenentnahme müsse für den „Spender“ nicht zwangsläufig tödlich enden, entgegnet Kilgour, ihm und seinem Kollegen sei kein einziger Fall zu Ohren gekommen, dass ein „Spender“ den Operationssaal lebend verlassen habe.

Ungeklärt bleiben muss die Frage, warum es etwa 2001 zur Praxis der Organentnahme gekommen sein könnte. Kilgour und Matas haben eine Theorie. Die Haushaltsmittel für das militärische Gesundheitswesen seien damals deutlich gekürzt worden. Die Sicherheitskräfte hätten darauf sozusagen „marktwirtschaftlich“ reagiert und versucht, mit Organhandel Geld zu verdienen. Und da die Zahl der Hingerichteten nicht ausgereicht habe, sei man auf Falun Gong verfallen. Es gebe ihres Wissens jedenfalls keinen Befehl von höherer Stelle, die Organentnahme betreffend.

China äußerst sich bislang nicht substantiell

Organhandel also ein - freilich besonders makabrer - Aspekt der chronischen Korruption in China? Kilgour und Matas wissen es nicht. Sie hüten sich auch vor voreiligen Schlussfolgerungen, sprechen vielmehr von Plausibilitäten, die nicht sehr erfreulich seien. Die Reaktion der chinesischen Regierung beschränkte sich bisher nach Aussage Kilgours darauf, dass man marginale geographische Fehler in einer im Bericht abgedruckten Landkarte groß herausgestellt habe. Damit wolle man wohl den ganzen Bericht für unglaubwürdig erklären. Substantiell habe sich China bislang nicht geäußert.

Eine Änderung dieser Haltung erwarten die beiden Kanadier auch nicht. Sie betonen ihre völlige Unabhängigkeit (auch von Falun Gong) und hoffen, dass ihre Veröffentlichungen die chinesische Regierung dazu bewegen könnten, die Praxis des Organhandels stillschweigend einzustellen. Mehr sei realistischerweise nicht zu erwarten, sagt Kilgour.

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