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Kroatien verärgert über Rede : Orbáns Schwäche für großungarische Phantasien

Orbán spricht am 6. Juni an einem Hügel bei der Ortschaft Sátoraljaújhely, auf dem in den dreißiger Jahren ein „ungarischer Kalvarienberg“ eingerichtet worden ist – zum Gedenken an „verlorengegangene“ Städte. Bild: EPA

Ungarns Ministerpräsident beschwört in einer Rede die glorreiche Vergangenheit seines Landes. Die Kroaten haben den Eindruck, er fordere frühere ungarische Gebiete zurück – alles nur ein Missverständnis, beteuert Budapest.

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          Grenzen sind am Donnerstag in Ungarn ein Thema gewesen, und zwar im positiven Sinne. Das Corona-Krisenteam gab bekannt, dass die Ausreise in die meisten Nachbarländer frei sei. Ungarn können also ohne Quarantänepflichten wieder nach Österreich, in die Slowakei und nach Serbien und zurück reisen. Von diesem Freitag an, das ist wichtig für einen Strandurlaub, gilt das auch für Kroatien.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Ein paar Tage zuvor hat der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán über Grenzen gesprochen, aber in einem anderen Sinn. Zum hundertsten Jahrestag des Vertrags von Trianon, der eine von der Entente diktierte Nachkriegsordnung für das zuvor zum Königreich Ungarn gehörende Gebiet festlegte, hielt Orbán eine Rede in einem entlegenen Ort im Nordosten seines Landes, wo die Grenzen zur Slowakei, der Ukraine und zu Rumänien nicht weit sind.

          „Der Westen hat die tausendjährigen Grenzen und die Geschichte Mitteleuropas vergewaltigt“, klagte Orbán an. „Sie zwangen uns (die Ungarn; Red.), zwischen ungeschützten Grenzen zu leben, beraubten uns unserer natürlichen Ressourcen und machten unser Land zu einem Trauerhaus.“ Das werde man dem Westen „nie vergessen“.

          Durch den Vertrag von Trianon verlor Ungarn 1920 zwei Drittel des Territoriums der vormaligen Stephanskrone sowie das in Personalunion regierte Kroatien. Gerade dort, im heutigen Kroatien, hatte Orbáns Rede eine bemerkenswerte Resonanz. Leitartikler und Politiker verschiedener Parteien ergingen sich in Zorn und Empörung, allen voran Staatspräsident Zoran Milanovic. Nur Ministerpräsident Andrej Plenkovic versuchte abzuwiegeln.

          „Scheinheiliges amerikanisches Reich“

          Orbáns Rede atmete den Geist eines stolzen Nationalbewusstseins. Orbán sprach auch nicht schlecht über die Nachbarn, wohingegen vom „überheblichen französischen und britischen und dem scheinheiligen amerikanischen Reich“ die Rede war. „Wir freuen uns, die gemeinsame Zukunft mit der Slowakei, Serbien, Kroatien und Slowenien aufzubauen, die stolz auf ihre nationale Identität sind.“

          Abgesehen davon, dass er geflissentlich Rumänien und die Ukraine ausließ, mit denen Budapest über die Behandlung der dortigen ungarischen Minderheiten im Streit liegt, passt das politisch zu Orbáns Anspruch einer regionalen Führungsrolle in Abgrenzung zum Westen. In diesen Zusammenhang gehört auch Ungarns Bestreben, die Rolle der Visegrád-Gruppe (mit Polen, der Tschechischen Republik und der Slowakei) zu stärken, deren Regierungschefs am Donnerstag zusammentrafen.

          Doch zugleich enthält Orbáns Rede eine Reihe von Formulierungen, die irritierend wirken können. Er verglich die hundert Jahre seit Trianon mit früheren, längeren Epochen, in denen die Ungarn noch stärker zurückgedrängt gewesen seien, um dann wieder stärker hervorzutreten. „Die Ungarn ziehen sich zusammen und dehnen sich aus wie das menschliche Herz.“ Solche Aussagen können von denen, die das möchten, durchaus als revisionistische Anspielung verstanden werden.

          Zumal in Verbindung mit dem Ort, den Orbán gewählt hat: einem Hügel bei der Ortschaft Sátoraljaújhely, auf dem in den dreißiger Jahren ein „ungarischer Kalvarienberg“ eingerichtet worden ist. An den Stationen sind statt des christlichen Kreuzwegs die ungarischen Namen „verlorengegangener“ Städte verzeichnet. Damals war die ungarische Politik ganz ausgesprochen revisionistisch.

          Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán (rechts) mit den Ministerpräsidenten der Visegrád-Gruppe im tschechischen Lednice

          Es waren denn auch gar nicht Orbáns Worte, sondern Bilder von dieser Veranstaltung, welche die Kritiker in Kroatien auf die Palme brachten. Denn eine der „Stationen“ war eine Plakette mit der Aufschrift „Fiume – Tengerre magyar“. Fiume ist der ungarische Name für die Hafenstadt Rijeka, und der Zusatz wurde dort als Anspruch auf ein „ungarisches Meer“ aufgefasst. Schnell fühlte man sich erinnert an einen Beitrag Orbáns in den sozialen Medien vor wenigen Wochen, in dem er ungarischen Schülern für die Geschichtsprüfung „Viel Glück“ wünschte und das mit einem Globus illustrierte, auf dem Ungarn in seinen früheren Grenzen eingezeichnet war, und zwar einschließlich der kroatischen Gebiete.

          „Heulen“ dürften nur die Deutschen

          Kroatiens Staatspräsident Milanovic, ein Sozialdemokrat, äußerte, man dürfe Orbán seine Beteuerungen, er schiele nicht nach kroatischem Territorium, nicht glauben. „Wir wissen, wer Orbán ist und für was er steht, das ist nichts Gutes“, teilte Milanovic mit und fügte hinzu, „zum Glück“ sei Ungarn kein großer und mächtiger Staat. Orbáns Schwäche für großungarische Phantasien sei schließlich schon bei früheren Gelegenheiten deutlich geworden, als er großungarische Landkarten verbreitet habe. Wenn jemand „heulen“ dürfe aufgrund des beschnittenen Territoriums nach einem verlorenen Krieg, „dann sind das die Deutschen, von ihnen gibt es wirklich sehr viele auf kleinem Raum. Aber so etwas hört man nicht aus Deutschland.“

          Ministerpräsident Andrej Plenkovic von der konservativen Regierungspartei „Kroatische Demokratische Gemeinschaft“ versuchte abzuwiegeln. „Ich habe mit Orbán gesprochen, ich bat um eine sehr klare Erklärung, was das zu bedeuten hat“, sagte er in einem Fernsehinterview und schilderte die Antwort seines ungarischen Gegenparts als zufriedenstellend.

          Zudem habe niemand in Ungarn behauptet, Rijeka sei eine ungarische Stadt. Er habe Orbán aber gesagt, dass missverständliche „Interpretationen“ Schwierigkeiten in die kroatisch-ungarischen Beziehungen tragen würden, was Orbán ebenso sehe: „Er hat jegliche These zurückgewiesen, dass er Bestrebungen nach kroatischem Territorium habe.“

          Das ungarische Außenministerium versicherte, alles sei nur ein Missverständnis, das auf einer falschen Übersetzung beruhe. Die Inschrift zu „Fiume“ bedeute nicht „Ungarisches Meer“, sondern „Auf, ihr Ungarn, zum Meer“. So gesehen, wären die Bilder von Orbán also bloß eine Aufforderung zum Urlaub in Kroatien. Der ist ja wieder erlaubt.

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