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Andreas Ross (anr.)

Urteil gegen Johnson & Johnson : Amerikas Drogenboss

  • -Aktualisiert am

Der Pharmakonzern Johnson & Johnson will das Urteil anfechten, das ihn zum Mitverursacher der Opioid-Krise in Oklahoma erklärt. Bild: AFP

Viel spricht dafür, die amerikanischen Pharmakonzerne an der Bekämpfung der Opioid-Krise zu beteiligen. Doch nur auf dem Rechtsweg wird Amerika nicht aus dem Morast finden.

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          Der Pharmakonzern Johnson & Johnson will das Urteil anfechten, das ihn zum Mitverursacher der Opioid-Krise in Oklahoma erklärt. Es ist also unsicher, ob er dem Bundesstaat tatsächlich 572 Millionen Dollar zahlen muss, um Therapien, Notarzt- oder Polizeieinsätze mitzufinanzieren. Selbst wenn die höhere Instanz das Urteil bestätigt, betrifft es nur ein Unternehmen und einen Staat.

          Es ist fraglich, ob sich auch andere Staaten vor ihren Gerichten mit der unorthodoxen Auffassung durchsetzen, dass die konsequente Verharmlosung der Nebenwirkungen eines amtlich zugelassenen Medikaments als „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ zu bestrafen sei.

          Dennoch markiert der Richterspruch eine Wende. Rund zwanzig Jahre nachdem mehrere Pharmafirmen aggressiv begannen, Opioide als so wirkungsvolle wie harmlose Schmerzmittel zu vermarkten und damit zig Milliarden umsetzten, ist erstmals eine von ihnen dafür verurteilt worden. Johnson & Johnson hat zwar nur wenige der Pillen hergestellt, die in Oklahoma wie überall in Amerika Hunderttausende Patienten süchtig machten – und damit viele in die Arme von Heroindealern trieben, weil das verbotene Rauschgift irgendwann leichter zu beschaffen war als der Nachschub vom Arzt.

          Da der Konzern aber der größte Produzent des Rohstoffs Opium war, musste er sich nun vom Richter anhören, er habe faktisch als „Drogenboss“ fungiert. Vierzig Staaten und Tausende Kommunen haben eigene Klagen gegen die Branche angestrengt. Ein Sammelprozess, der im Oktober vor einem Bundesgericht beginnen soll, könnte die Dimensionen des Verfahrens gegen die Tabakkonzerne sprengen, das 1998 zu einem 206-Milliarden-Dollar-Vergleich geführt hatte.

          Viel spricht dafür, die Konzerne an der Krisenbekämpfung zu beteiligen. Doch nur auf dem Rechtsweg wird Amerika nicht aus dem Morast finden. Nicht zuletzt muss es sein Gesundheitssystem reparieren. Die Opioid-Krise beweist ja, wie töricht es ist, Schmerzmittel als billige Alternative zu Therapien oder Operationen anzusehen; oder wohin es führen kann, wenn Zahnärzte oder Orthopäden vor lauter Kundenorientierung jedem Patienten totale Schmerzfreiheit versprechen. Arg spät haben viele Mediziner die Lektion gelernt – zu spät nicht nur für die rund 400.000 Amerikaner, die seit 1999 an einer Überdosis Pillen, Heroin oder Fentanyl gestorben sind.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

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