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Opfer des Chomeini-Regimes : Ich kenne nur die Stimmen

  • Aktualisiert am

„Das Tribunal ist eine Demonstration gegen Menschenrechtsverletzungen, die seit Jahrzehnten stattfinden“: Kurz vor ihrer Abreise nach Den Haag sprach Nargess Eskandari-Grünberg mit der F.A.Z. Bild: Fricke, Helmut

In Den Haag haben sich in dieser Woche Opfer des Chomeini-Regimes getroffen. Nargess Eskandari-Grünberg saß vor dreißig Jahren im berüchtigten Evin-Gefängnis. Da war sie siebzehn. Nachts zählte sie die Schüsse.

          Frau Eskandari-Grünberg, dürfen wir Sie auf Ihre Zeit im Evin-Gefängnis in Teheran ansprechen?

          Der Anlass unseres Gesprächs ist das Iran-Tribunal in Den Haag, zu dem ich morgen fahre. Für mich ist es sehr wichtig zu sagen, warum dieses Tribunal stattfindet. Denn ich habe das Gefühl, dass in Deutschland über die Verbrechen in Iran nicht offen gesprochen wird. Das Tribunal ist eine Demonstration gegen Menschenrechtsverletzungen, die seit Jahrzehnten stattfinden. Es geht nicht um mich. Ich nehme daran nicht als Privatperson, sondern als Politikerin teil. Wir setzen ein Zeichen.

          Und doch sind Sie persönlich betroffen. Wie kam es dazu, dass Sie verhaftet worden sind?

          1979 war ich sehr jung, eine Schülerin. Ich hatte gegen das Schah-Regime demonstriert. Viele Kinder waren damals sehr engagiert, oft 14 oder 15 Jahre alt. Wir kämpften für die Freiheit, doch unsere Hoffnungen blieben Illusion, das Chomeini-Regime setzte sich nicht für Freiheit ein. Ganz im Gegenteil. Sehr früh begannen die neuen Machthaber, Oppositionelle zu verhaften. Und die politischen Gefangenen waren sehr jung, im Durchschnitt 16 oder 17. Viele Mädchen, junge Frauen, die auf die Straße gingen, sich engagierten, wurden festgenommen.

          Was haben Sie gemacht?

          Ich war auch auf diesen Demonstrationen. Ich habe Flugblätter verteilt, bin in Schüler- und Studentengruppen aktiv gewesen. Wir hatten Angst vor Zwangsverschleierung, kämpften für Frauenrechte. Wir sind auf die Straße gegangen, damit die Frauen frei sind. Und genau wir waren die Menschen, die am meisten verfolgt worden sind.

          Wie alt waren Sie zu dieser Zeit?

          Siebzehn.

          Wer hat Ihre Aktionen organisiert? Waren das die Mädchen selbst? Ging es von den Lehrern aus?

          Da war diese Atmosphäre im Land, noch aus der Schah-Zeit. Viele Gruppen waren in Iran aktiv. Die meisten, auch die, zu denen ich gehörte, waren linke Organisationen. Sozialistische, kommunistische und atheistische Gruppen. Ich bin privilegiert aufgewachsen, ging auf eine Privatschule. Eigentlich denkt man, die Armen gehen auf die Straße, aber so war es nicht. Einige Lehrer haben uns unterstützt. So haben wir demonstriert - erst gegen den Schah, dann gegen das islamische Regime.

          Waren Ihre Eltern damit einverstanden?

          Meine Eltern waren überhaupt nicht einverstanden. Ich stamme aus einer akademisch geprägten Familie. Meine Eltern waren nicht religiös. Sie waren sehr gegen die islamische Regierung. Der größte Gegner war mein Vater.

          Hat er Ihnen verboten, auf die Straße zu gehen?

          Die Eltern waren damals entmachtet. Die Eltern konnten gar nicht mehr sagen, was die Kinder machen sollten. Die Welle war so stark. Die Bilder des arabischen Frühlings haben mich an diese Zeit erinnert. Quasi alle sind auf die Straße gegangen. Eltern konnten nicht sagen: Wir lassen unsere Kinder nicht auf die Straße. Obwohl das sehr gefährlich war.

          „Es war so eine unheimliche Angst im Raum. Sie standen da mit den Waffen. Eine Mitbewohnerin musste an der Wand stehen, und die Wächter haben mit dem Verhör angefangen.“

          Warum wurden Sie festgenommen?

          Ich war in dieser politischen Gruppierung aktiv und wurde immer aktiver. Eine der Frauen - sie hatte eine kleine Tochter - wurde inhaftiert. Sie hat unsere Gruppe verraten, als sie gefoltert wurde. Dann kamen die Wächter und haben auch mich festgenommen.

          Auf der Straße?

          Nein, das war in einer Wohnung.

          Im Elternhaus?

          Nein, ich wohnte mit einer Gruppe von Studenten zusammen.

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