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Colonia Dignidad : Opfer erhalten bis zu 10.000 Euro Entschädigung

  • Aktualisiert am

Verwandte verschwundener Gefangener demonstrieren auf dem Gelände der Colonia Dignidad in Chile im Jahr 1997 (Archivbild). Bild: AFP

Jahrzehnte lang konnte die deutsche Sektensiedlung in Chile Verbrechen begehen. Knapp 60 Jahre nach Gründung der Colonia Dignidad sichert Deutschland Opfern erstmals finanzielle Hilfen zu. Doch es gibt auch Kritik.

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          Die Opfer der Colonia Dignidad in Chile sollen zügig entschädigt werden. Eine Kommission aus Bundestag und Bundesregierung stellte am Freitag in Berlin ein entsprechendes Hilfskonzept vor. Demnach sollen die Opfer eine Entschädigung von bis zu 10.000 Euro erhalten. Die Zahlungen sollen bereits in diesem Jahr beginnen, eine Million Euro wurden dafür bereits im Haushalt eingestellt. Die Kommission geht von einem Bedarf in einer Größenordnung von 3,5 Millionen Euro aus.

          Zudem soll es einen Fonds „Pflege und Alter“ für die Opfer geben, die keinen Zugang zum deutschen Sozialsystem haben. Die Kommission geht von rund 240 Betroffenen aus, darunter 80, die in Deutschland leben. Mit der Umsetzung des Hilfsfonds soll die Internationale Migrationsorganisation (IOM) beauftragt werden.

          Vertreter der Kommission sprachen von einem wichtigen Schritt. Kritik kam vom Europäischen Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte (ECCHR). Das Konzept berücksichtige nicht die Hinterbliebenen von Verschwundenen und Ermordeten sowie die Belange von Oppositionellen, die in der Kolonie gefoltert wurden, sagte ECCHR-Jurist Andreas Schüller. Die Organisation vertritt einen Teil der Opfer der „Kolonie der Würde“.

          Die Colonia Dignidad wurde Anfang der 1960er Jahre von dem gebürtigen Bonner Paul Schäfer (1921-2010) in Chile gegründet. Auf der Anlage rund 350 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago versprach der aus einem freikirchlichen Umfeld stammende Laienprediger seinen Anhängern ein „urchristliches Leben im Gelobten Land“. Tatsächlich führte Schäfer ein diktatorisches Regime und schottete die Sektenmitglieder von der Außenwelt ab.

          Bundesregierung erkennt „moralische“ Schuld an

          Zu den Verbrechen zählten unter anderem Freiheitsberaubung, Zwangsarbeit und Sklaverei, Kindesmissbrauch, Körperverletzung, Folter und Verabreichung von Psychopharmaka ohne medizinische Indikation. Während der Militärdiktatur (1973-1990) wurden in der Colonia Dignidad Hunderte Regimegegner vom chilenischen Geheimdienst gefoltert und Dutzende ermordet.

          Der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Niels Annen (SPD), betonte, die Bundesregierung trage „keine direkte Verantwortung“ für die Geschehnisse in der Colonia Dignidad, sie habe aber „eine moralische Schuld“. Damit erkenne die Bundesregierung das Leid der Opfer an.

          Die Grünen-Abgeordnete Renate Künast betonte, Deutschland habe Schuld auf sich geladen, weil zumindest die Strukturen der Colonia Dignidad unterstützt worden seien. Der menschenrechtspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Michael Brand (CDU), sprach von einem „Versagen und Skandal“ in der Vergangenheit. Die Colonia Dignidad sei eine „Horrorkolonie mit einem pädophilen Sadisten an der Spitze“ gewesen.

          Der CSU-Abgeordnete Volker Ullrich erklärte: „Die Erarbeitung des Hilfskonzepts ist auch ein klares Signal, dass die Aufarbeitung weitergehen muss. Das gilt auch für die strafrechtliche Seite.“

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