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Venezuela in Aufruhr : Misslungener Start der „Operation Freiheit“

„Showdown“ vorgezogen?

Die Aktion am Dienstag sei für einen späteren Zeitpunkt geplant gewesen, heißt es in informierten Kreisen. Guaidó habe Zusagen aus Militärkreisen, von Vertretern der Gerichte und anderer Institutionen gehabt, sie würden mit ihm mitziehen. Als das Risiko einer Verhaftung Guaidós zunahm, musste der „Showdown“ vorgezogen werden, und die Militärs machten offensichtlich einen Rückzieher. Journalisten mit Zugang zu Quellen in Regierungskreisen berichteten zudem, dass über einen Ausweg für Maduro und mögliche Neuwahlen verhandelt worden sei. Der amerikanische Außenminister Mike Pompeo behauptete am Dienstag gar, Maduros Abreise nach Kuba sei bereits geplant gewesen, die Russen hätten ihn jedoch überzeugt zu bleiben. 

Fakt ist, dass Maduro sich den gesamten Dienstag über nicht einmal der Öffentlichkeit zeigte und lediglich eine Kurznachricht auf Twitter verbreitete – Stunden nach Guaidós Video. Erst am Abend trat Maduro im Fernsehen in Erscheinung. Er zitterte fast, ob vor Wut oder Schreck. Der Putschversuch dürfe nicht unbestraft bleiben, sagte Maduro im Kreise seiner überwiegend uniformierten Minister. Er habe die Staatsanwaltschaft angeordnet, eine Untersuchung einzuleiten. Man habe die Verräter identifiziert. Wer diesen Weg einschlage, der verliere alles, drohte Maduro.

Nicolas Maduro bei seiner Fernsehansprache am späten Dienstagabend
Nicolas Maduro bei seiner Fernsehansprache am späten Dienstagabend : Bild: AFP PHOTO / VENEZUELAN PRESIDENCY

Von einer Verhaftung Guaidós sprach Maduro allerdings nicht. Ihm ist bewusst, dass dies unvorhersehbare Folgen haben könnte. Zudem würde dies die Loyalität von Polizei und Armee, der er sich sicher glaubt, auf eine große Probe stellen. 

Wie geht es weiter?

Der Start der „Operation Freiheit“ ist misslungen. Doch es fragt sich, ob die gesamte Operation damit zu Ende ist. In Venezuela ist ein Prozess ins Rollen gekommen, der unwiderruflich sein dürfte. Guaidó, der von mehr als 50 Regierungen als Übergangspräsident anerkannt wird, musste in den vergangenen Wochen immer wieder Niederlagen einstecken, doch gelang es ihm jedes Mal aufs Neue, die Bevölkerung zu mobilisieren.

Guaidó trat am Dienstagabend nicht mehr wie geplant vor die Öffentlichkeit. Über seinen Verbleib war am Abend nichts bekannt. In einer Videobotschaft von unbekanntem Ort rief er am Abend die Armee wieder dazu auf, sich der „Operation Freiheit“ anzuschließen. Maduro habe weder den Rückhalt noch den Respekt der Armee. Was in diesem Moment geschehe, sei kein Putsch, sondern ein friedlicher Aufstand gegen einen Tyrannen. Man werde weitermachen „bis zum Ende der Usurpation“. Für den heutigen 1. Mai rief Guaidó die Bevölkerung zu neuen Protesten auf.

Washington drängt weiter

Die Geschehnisse in Venezuela haben das Land nach einer Phase der scheinbaren Ruhe wieder in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt. Die Reaktionen aus dem Ausland ließen nicht lange auf sich warten. Zahlreiche Regierungen warnten vor einem Blutvergießen und forderten einen friedlichen Übergang. Scharfe Töne kamen wie gewohnt aus Washington. John Bolton, der Sicherheitsberater des Weißen Hauses, rief die Führungsriege der venezolanischen Armee zum Einlenken auf. Dies sei die letzte Gelegenheit, um ungeschoren davonzukommen.

Wenngleich sich das Regime solchen Drohungen gegenüber gelassen zeigt, dürften sie innerhalb der Führungsspitze des Regimes einen Denkprozess losgetreten haben. Bei einigen handelt es sich zwar um stramme Ideologen. Insgeheim befinden sich viele Generäle und Funktionäre des Regimes in einem Prozess des Abwägens. Noch ist die Angst vor der internen Repression allerdings zu groß, um Maduro den Rücken zu kehren. 

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