https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/olympia-2012-ausgelagerte-sicherheit-11823208.html

Olympia 2012 : Ausgelagerte Sicherheit

„Welcome to London 2012“ am Flughafen Heathrow: Mehr als zehntausend private Sicherheitsleute sollten Polizei und Armee unterstützen Bild: AFP

Was als Panne begann, droht sich zu einer politischen Affäre auszuwachsen. Die Privatisierungs-Offensive der Regierung Cameron hat peinliche Folgen für die Sicherheitsmaßnahmen bei den Olympischen Spielen in London.

          2 Min.

          Lange Zeit galt die Vorbereitung der Olympischen Spiele - nicht zuletzt deren Absicherung gegen Gewalt und Terror - als Ausweis britischer Professionalität und Effizienz. Doch der Glaube daran ist erschüttert, seit bekannt wurde, dass kurz vor dem Beginn des Sportfests tausende fest eingeplante Sicherheitsleute fehlen. In der vergangenen Woche musste die Regierung ankündigen, 3.500 Soldaten zusätzlich abzustellen, darunter Afghanistan-Kämpfer, deren Heimaturlaub nun verkürzt wird.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Am Montag und Dienstag taten sich bei vorolympischen Veranstaltungen weitere Personallücken auf, die zunächst mit Streifenpolizisten gefüllt wurden. Was als Panne begann, droht sich zu einer politischen Affäre auszuwachsen, in deren Mittelpunkt die Sicherheitskompetenz und „Outsourcing“-Philosophie der konservativen Regierung rückt.

          Ein Weltmarktführer in Sachen Sicherheit

          Der Personal-Engpass war zutage getreten, nachdem das private Sicherheitsunternehmen G4S in der vergangenen Woche eingeräumt hatte, seine vertragliche Vereinbarung vermutlich nicht erfüllen zu können. Dies überraschte viele, denn bei G4S handelt es sich um keine verschlafene Wach-und Schließgesellschaft, sondern um den Weltmarktführer in Sachen Sicherheit.

          Mit mehr als 650.000 Mitarbeitern in 125 Ländern erwirtschaftet der britische Konzern einen Umsatz von fast zehn Milliarden Euro. Obwohl das Unternehmen allein in Großbritannien und Irland mehr als 50.000 Mitarbeiter beschäftigt, ist es an der Aufgabe gescheitert, bis zum Beginn der Spiele am 27. Juli 10.400 Sicherheitsleute bereitzustellen, die den (ursprünglich) 13.500 Soldaten und 12.000 Polizisten zur Seite stehen sollten.

          In Erklärungsnot im Unterhaus: Der Chef des britischen Sicherheitsunternehmens G4S, Nick Buckles
          In Erklärungsnot im Unterhaus: Der Chef des britischen Sicherheitsunternehmens G4S, Nick Buckles : Bild: dapd

          Am Dienstag wurde der Boss des Unternehmens, Nick Buckles, vor den Innenausschuss des Unterhauses geladen. Dort absolvierte er einen Auftritt, der sich nur als jämmerlich beschreiben lässt. Unter den gnadenlosen Fragen der Abgeordneten schrumpfte der Chefrepräsentant des geheimnisumwitterten Sicherheitskonzerns auf Pennälerformat.

          Mit gesenktem Kopf offenbarte er fragwürdige Geschäftsgebaren und gestand ein, dass er bei Vertragsabschlüssen nie genau wüsste, wie viele Sicherheitsmitarbeiter am Ende auftauchen. Wehrlos ließ er sich schließlich noch die Arbeits- und Vertragsbedingungen seiner Rekrutierten vorhalten. „Unmenschlich“ und „ausbeuterisch“ nannte sie ein Abgeordneter.

          Neues Ungemach für Cameron

          Der Regierung von David Cameron, geschwächt von einer Koalitionskrise, bereitet die Angelegenheit neues Ungemach. Um aus der Schusslinie zu geraten, versucht sie, alle Schuld auf den säumigen Vertragspartner G4S abzuwälzen, darf dabei aber nicht den Eindruck entstehen lassen, die Sicherheitslage nicht im Griff zu haben.

          Die Opposition hat sich auf Innenministerin Theresa May eingeschossen und geht der Frage nach, ob sie das 360 Millionen Euro teure Vertragsverhältnis nicht besser hätte überwachen und die Gefahren früher erkennen müssen. Zugleich wachsen grundsätzliche Zweifel am Kurs der Regierung, immer mehr hoheitliche Aufgaben an Subunternehmer abzutreten.

          Die systematische Privatisierung, die in der Thatcher-Ära begann und in den 90er Jahren von der Labour-Regierung fortgesetzt wurde, scheint unter der Koalitionsregierung von Tories und Liberaldemokraten ihrem nächsten Höhepunkt zuzustreben. Im Regierungsweißbuch „Open Public Service“, das vor einem Jahr veröffentlicht wurde, erkennen Kritiker eine Handlungsanleitung zum Ausverkauf des Staates, seiner Aufgaben und Dienstleistungen.

          Obwohl Cameron die neue Privatisierungswelle ausdrücklich am Justiz- und Sicherheitsapparat vorbeischwappen lassen wollte, bewegt sich gerade auf diesem Gebiet einiges: Von klassischer Polizeiarbeit über Festnahmen und Ermittlungstätigkeiten bis hin zur Überwachung elektronischer Fußfesseln - überall befindet sich das staatliche Gewaltmonopol in Auflösung. Cameron sei auf einer „Staatszerstörungsmission“, kommentierte der „Guardian“ am Dienstag. Irgendwann, sagte die Zeitung voraus, werde der britische Staat so reduziert sein, dass er nicht mehr einspringen kann, wenn Subunternehmer wie G4S an ihrer Aufgabe scheitern.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ricarda Lang im Paul-Löbe-Haus in Berlin

          Ricarda Lang im Porträt : Der neue Habeck

          Ricarda Lang will Chefin der Grünen werden – mit gerade mal 28 Jahren. Sie muss die Partei zusammenhalten, wenn die Ampel-Kompromisse weh tun. Leicht wird das nicht.
          Dmitrij Peskow im Dezember in Moskau

          Forderungen zurückgewiesen : Putins Personal empört sich über den Westen

          Der Westen hat Russlands wichtigste Forderungen in Osteuropa offiziell zurückgewiesen. In Moskau wird Unmut laut und mit der Aufrüstung der ostukrainischen „Volksrepubliken“ gedroht. Auch eine Anerkennung sei möglich.