https://www.faz.net/-gpf-9w4dh

Ankaras Offensive in Syrien : Erdogans Zorn und der türkische Militärschlag

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Bild: AFP

Für gewöhnlich überlässt Präsident Erdogan das Schlachtfeld in der Provinz Idlib seinen syrischen „Brüdern“. Aber den Angriff von Assads Armee auf fünf türkische Soldaten wollte er nicht unbeantwortet lassen.

          3 Min.

          Das türkische Militär hatte schon ein Zeichen gesetzt, als Präsident Recep Tayyip Erdogan am Montagmorgen sagte: „Diejenigen, die unsere Entschlossenheit in Frage gestellt haben, werden bald erkennen, dass sie einen gewaltigen Fehler gemacht haben.“ Die Streitkräfte Ankaras nahmen in der syrischen Provinz Idlib die Truppen von Baschar al Assad unter Feuer, Jagdbomber wurden eingesetzt und Panzer an die Grenze verlegt. Erdogan sprach von 30 bis 35 „neutralisierten“ Feinden – realistischer dürften die Angaben syrischer Beobachter sein, die von etwa einem Dutzend Toten sprachen. Erdogans Zorn und der türkische Militärschlag waren die Reaktion auf einen Zwischenfall in der Nacht zum Montag, bei dem laut offiziellen Angaben mindestens fünf türkische Soldaten durch syrisches Artilleriefeuer getötet wurden.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Türkei, die in der nordwestsyrischen Provinz Rebellengruppen unterstützt, unterhält dort etwa ein Dutzend sogenannter Beobachtungsposten; sie sind Teil einer Übereinkunft von 2018 mit Assads Schutzmacht Russland über eine demilitarisierte Zone, mit der die Gewalt eingedämmt werden sollte. Für gewöhnlich überlässt Erdogan das Schlachtfeld seinen syrischen „Brüdern“. Aber den syrischen Angriff wollte er nicht unbeantwortet lassen. Es sei unmöglich, untätig zu bleiben, solange die Truppen seines Landes angegriffen werden, sagte er und warnte Moskau davor, seinen Gegenschlag zu stoppen: „Ihr solltet uns nicht im Weg stehen.“

          Allenfalls halbherzig

          Von einer Eindämmung der Gewalt konnte in Idlib längst nicht mehr die Rede sein. Weder die Türkei noch Russland haben laut westlichen Diplomaten den Willen gezeigt, der Gewalt gemeinsam ein Ende zu setzen. So sei Ankara der Selbstverpflichtung, gegen die Dschihadisten der Allianz „Hayat Tahrir al Scham“ (HTS) vorzugehen, einem Bündnis radikaler islamistischer Milizen, das über weite Teile der Provinz herrscht, allenfalls halbherzig nachgekommen. Russland seinen Zusagen, Assad zu mäßigen, ebenso wenig.

          Im April hatte der syrische Präsident einen weiteren Anlauf unternommen, die Provinz Idlib zu erobern. Angriffe syrischer und russischer Bomber auf Kliniken, Märkte oder Wohnviertel gehören für die Zivilisten dort zum Alltag. Die etwa drei Millionen Menschen, die in der Provinz leben, sitzen in der Falle: Sie werden von den herrschenden Islamisten in Geiselhaft gehalten. Seit ein paar Wochen rücken Assads Truppen mit russischer und auch iranischer Unterstützung vor, hinterlassen zerstörte menschenleere Dörfer. Hunderttausende sind vor ihnen und der Gewalt geflohen, laut UN-Angaben vom Januar waren es 750.000 Menschen seit April. Hilfsorganisationen haben schon erklärt, es seien hunderttausende weitere in der Schusslinie. An der türkische Grenze ist für die Fliehenden Schluss. Denn die Türkei, wo nach offiziellen Angaben schon etwa 3,6 Millionen Syrer leben, will keine weiteren Flüchtlinge beherbergen.

          Der Druck auf die Grenzen, der mit der Not in Idlib immer weiter zunimmt, dürfte einer der Gründe sein, aus denen Erdogan den Vormarsch des Regimes gerne gestoppt sähe. Sein Vergeltungsschlag fällt außerdem in eine Zeit, in der ein strategisch bedeutender Ort im Zentrum der Kämpfe steht: Die Stadt Saraqib, wo mit der M5 und der M4 zwei der wichtigsten Schnellstraßen des Lande zusammenkommen, die das Wirtschaftszentrum Aleppo mit der Hauptstadt Damaskus und den Küstenregionen verbinden. Mehrere syrische Beobachter mit guten Verbindungen zu den bewaffneten Gruppen in Idlib berichteten am Montag, das türkische Militär habe im Umland von Saraqib vier Außenposten eingerichtet. Anscheinend setze Ankara darauf, dass Moskau eine direkte Konfrontation vermeiden wolle, vermuteten sie.

          Wie schlecht es um das Verhältnis beider Länder mit Blick auf den Syrien-Konflikt derzeit bestellt ist, zeigte schon die russische Erwiderung auf die Vorwürfe des türkischen Verteidigungsministeriums, die beschossenen Soldaten hätten die syrischen Streitkräfte über ihre Bewegungen vorab in Kenntnis gesetzt. Moskau erklärte kühl, man habe keine Kenntnis davon gehabt. Die türkischen Soldaten seien unter Beschuss geraten, als die syrischen Kräfte westlich von Saraqib „Terroristen“ bekämpft hätten. Syrische Gewährsleute, die sich auf Berichte von Teilnehmern berufen, sagen, es habe am 16. Januar und am 26. Januar Treffen von Assad-Gegnern mit türkischen Vertretern gegeben. Bei der jüngsten Zusammenkunft soll demnach auch der türkische Geheimdienstchef zugegen gewesen sein. Erdogan, so heißt es weiter, sei zugeschaltet worden und habe gesagt, Russland und das syrische Regime setzten auf eine militärische Lösung. Die Türkei werde Assads Gegner unterstützen, so gut sie nur könne. Erdogan sagte in dieser Zeit auch öffentlich, der Astana-Prozess, eine Vermittlungsinitiative unter russisch-iranisch-türkischer Regie, sei zusammengebrochen.

          Assads Truppen bekamen den Unmut des türkischen Präsidenten prompt zu spüren. Die Zahl von Propaganda-Videos der Rebellen, die den Einsatz von Panzerabwehrraketen zeigen, hat zuletzt ebenso zugenommen wie die Präsenz türkischer Militärkonvois. Außerdem wurden Assads Truppen vor einigen Tagen östlich von Aleppo aus jenen Regionen angegriffen, die im Zuge der Operation „Schild-Euphrat“ unter türkische Schutzherrschaft gelangt waren. Auch das war als Botschaft Erdogans verstanden worden.

          Weitere Themen

          Mundschutzpflicht in Supermärkten nicht nötig Video-Seite öffnen

          Robert Koch Institut : Mundschutzpflicht in Supermärkten nicht nötig

          Lothar Wieler sieht derzeit keine Notwendigkeit für eine Mundschutzpflicht beim Einkaufen. Eine solche Pflicht existiert bereits in Österreich. Für Infizierte könne ein Mundschutz dagegen sinnvoll sein, so der RKI-Präsident.

          Topmeldungen

          Auf sich allein gestellt: Migranten im spanischen Lepe

          Asylbewerber ohne Hilfe : Nach Spanien kommen kaum noch Migranten

          Vor der Corona-Krise landeten zeitweilig nirgendwo in Europa so viel Migranten wie in Spanien. Jetzt kommen nur sehr wenige. Die 120.000 Asylbewerber, die sich bereits im Land befinden, sind nun auf sich allein gestellt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.