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Österreichs Außenminister : Ein Aufsteiger verschafft sich Respekt

Im Dialog mit außenpolitischen Schwergewichten: Kurz und der russische Außenminister Sergej Lawrow am Montagabend in Wien Bild: AP

Beim Treffen des Europarats in Wien kommt Sebastian Kurz, dem erst 27 Jahre alten Außenminister Österreichs, mitten in der Ukraine-Krise eine Schlüsselrolle zu. Längst hat er sich Respekt verschafft.

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          „Ich kann Außenminister Kurz nur loben“, hat jetzt der Generalsekretär des Europarats, Thorbjörn Jagland, in einer österreichischen Gratiszeitung über den amtierenden Vorsitzenden dieser kontinentalen Organisation gesagt. Der Vorsitz Österreichs sei „einer der aktivsten und erfolgreichsten in den letzten Jahren“ gewesen.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Das war mehr als eine Floskel. In der Ukraine-Krise, die alle anderen Themen überlagert hat, sind Kurz und Jagland zweimal gemeinsam in das Land gereist, nicht nur nach Kiew, sondern auch in den Osten, um sich dort ein Bild zu verschaffen. Dabei wie auch bei den häufigen Besuchen des österreichischen Außenministers in Straßburg am Sitz des Europarates haben die beiden Gelegenheit gehabt, einander ausgiebig kennenzulernen.

          „Offene Aussprache unter Europäern“

          Die hohe Aktivität in dem halben Jahr, in dem Österreich turnusgemäß den Vorsitz des Europarats innehatte, ist auch den Zeitläuften geschuldet. Sie führen an diesem Dienstag dreißig europäische Außenminister nach Wien. Üblicherweise lassen sich die meisten Ressortchefs bei den Routinetreffen, die zudem meist in Straßburg abgehalten werden, vertreten. Doch das Wiener Treffen, gleich, ob etwas Substantielles dabei herauskommt, ist keine Routine. Der russische Außenminister Sergej Lawrow wird hier erwartet, ebenso sein ukrainischer Counterpart Andrej Deschtschiza. Kurz ließ vernehmen, er wolle auf eine „offene Aussprache unter Europäern“ dringen. „Wer einen Krieg verhindern will, muss den Dialog suchen und jede Chance dafür nutzen.“

          Krisendiplomatie: Österreichs Außenminister Sebastian Kurz empfängt den Ukrainer Andrej Deschtschiza Bilderstrecke
          Krisendiplomatie: Österreichs Außenminister Sebastian Kurz empfängt den Ukrainer Andrej Deschtschiza :

          Sebastian Kurz hat bei seinem Antritt im vergangenen Dezember, 27 Jahre alt, in ganz Europa Aufsehen erregt als „der jüngste Außenminister der Welt“. In vielen österreichischen Medien wurde anfangs die Sorge verbreitet, dass sich ihr kleines Land mit dieser Personalentscheidung zum Zwerg machen würde.

          Doch machte Kurz mit seinen frischen, aber nicht unbesonnenen Auftritten diese Befürchtung zunichte. Die Skeptiker hatten auch nicht bedacht, dass die Währung, die auch international zählt, nicht in Lebensjahren gemessen wird, sondern in politischem Einfluss. Da nutzt Kurz die Möglichkeiten, die Österreich als Mitglied der EU und nun zufällig auch als amtierender Vorsitzender des Europarats hat. Zugleich tritt er als Vertreter eines militärisch „neutralen“ Landes auf und brachte diese Neutralität auch als Option für die Ukraine ins Spiel.

          Im eigenen Land ist Kurz nicht nur zum Liebling der Medien avanciert, sondern er hat auch bei der Nationalratswahl im vergangenen Herbst das stärkste Ergebnis bei den persönlich vergebenen Vorzugsstimmen erreicht. So wiederholte sich ein Vorgang, den der gebürtige Wiener und Anführer der ÖVP-Jugendorganisation schon bei seinem ersten politischen Amt als Integrations-Staatssekretär im Innenministerium erlebte: Anfangs als abgebrochener Jurastudent belächelt, ja teilweise geradezu verachtet, verschaffte er sich durch geschickte Auftritte und solides Positionieren der inhaltlichen Agenda bald Respekt.

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