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Österreich : Würschtl statt Weltrevolution

Graz: Jeder Fünfte hat bei der letzten Kommunalwahl die KPÖ gewählt Bild: INTERFOTO

Graz ist eine Hochburg der Kommunisten, die KPÖ feiert dort Erfolge, die in Europa heutzutage ihresgleichen suchen. Warum eigentlich? Über Vergangenheit und Gegenwart Grazer Kommunisten.

          6 Min.

          Elke Kahr hat eine freundliche und eine befremdliche Seite. Die freundliche: Frau Kahr hilft den Leuten in Graz. Zum Beispiel dem alten Herrn, dem der Vermieter gekündigt hatte, weil die Wohnung verwahrlost war. Der Mann ging mit der Kündigung zur Stadträtin für Wohnen: zu Frau Kahr. Sie sah sich den Schlamassel an. Dann sagte sie dem Mann schonungslos, entweder er lasse sie jetzt machen, oder er sei die Wohnung los. Danach trommelte sie Leute zusammen. Eine Woche misteten sie aus, putzten. Und der Mann durfte bleiben.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Die freundliche Stadträtin sagt: „Wenn du das Vertrauen hast, dann kannst du den Leuten auch Sachen sagen.“ Und: „Man muss die Leute mögen, um das tun zu können.“ Frau Kahrs befremdliche Seite: Sie ist Kommunistin. Als Vorsitzende der KPÖ Graz ist sie fest verankert in jener alten Kaderpartei, die einst ideologisch in Treue fest mit Moskau verbunden war – und wirtschaftlich mit der Staatspartei der verflossenen DDR, der SED. Die hat sich seit der „Wende“ zweimal umbenannt und nennt sich inzwischen „Die Linke“. Die Kommunistische Partei in Österreich aber heißt unverdrossen KPÖ. Eigentlich ist sie in Österreich eine Splittergruppe.

          Als Grund nennen sie Elke Kahr

          Doch in der Landeshauptstadt der Steiermark feiert die KPÖ Erfolge, die in Europa heutzutage ihresgleichen suchen. Jeder Fünfte hat bei der vorigen Kommunalwahl in Graz KPÖ gewählt. Weil dort das Proporzprinzip gilt, nach dem unabhängig von Koalitionen jede parlamentarisch vertretene Partei mitregieren darf, stellt die KPÖ seit 1998 auch einen Stadtrat. Stets den für Wohnen. Warum ist gerade Graz, mit 270.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Österreichs, die Hochburg der KPÖ? Die Spurensuche führt zunächst auf den Markt am Kaiser-Joseph-Platz. Dort ist alles sehr gediegen, wohlbestallt: An einem Stand werden erlesene Käse angeboten, am anderen steirisches Kürbiskernöl, Most und Wein am nächsten.

          Leute zu finden, die ihr Kreuz bei den Kommunisten gemacht haben, ist dennoch nicht schwer. Eine Frau mit Kinderwagen bekennt sich gerne dazu, ein Radfahrer mit langen Haaren ebenso wie eine dunkelhäutige Frau, die eine Obdachlosenzeitung verkauft. Als Grund nennen sie alle die Spitzenkandidatin, eben Elke Kahr. Die Frau, die bei Mietproblemen berät, für Gerechtigkeit sorgt, anpackt. Die von ihren Stadtratsbezügen nur einen Arbeiter-Durchschnittslohn behält und den Rest spendet. Graz ist geteilt, die Grenze ist der Fluss. Auf der einen Seite der Mur lebte traditionell das alte Bürgertum; im 19. Jahrhundert prägte sich dort eine deutschnationale Tradition aus.

          Komplizierte Verhältnisse

          Als Adolf Hitler 1938 Österreich annektierte, gehörten die Bürger von Graz zu den Ersten, die Hakenkreuzfahnen aus den Fenstern hängten. Der Stadt trug das den zweifelhaften Nazi-Ehrentitel ein, die „Stadt der Volkserhebung“ zu sein. Auf der anderen Seite der Mur sind die Industrie- und Arbeiterviertel, erst 1938 eingemeindet. Seit je waren sie rote Hochburgen. Rot hieß früher allerdings eher: sozialdemokratisch. Heute sind die politischen Verhältnisse komplizierter. Bei der Kommunalwahl 2012 erhielten die Kommunisten fast zwanzig Prozent und wurden zweitstärkste Kraft, noch vor den Sozialdemokraten.

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