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Haiders Zögling : Brandstifter Strache

  • -Aktualisiert am

Mit Angstparolen auf dem Vormarsch zur Macht in Wien: FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache Bild: BRUNA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Der FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache sät Angst und Misstrauen. Wenn die Österreicher am Sonntag ein neues Parlament wählen, will der Rechtspopulist ernten.

          Heinz-Christian Strache, der Mann, der die Freiheitliche Partei FPÖ nach dem Austritt Jörg Haiders und der gesamten Parteispitze im Jahr 2005 übernahm, der lange als billige Haider-Kopie belächelt wurde, der es allen zeigte, weil er die Partei aus der Krise herausführte, sie wieder groß und stark machte, so groß und stark, dass sie nach den Parlamentswahlen am Sonntag womöglich in die Regierung einziehen wird, dieser Mann war auch einmal klein. Über diese Zeit, als er klein war, beginnt Strache nun zu erzählen. Denn damals, sagt er, sei das entstanden, was ihn heute noch als Politiker ausmache, nämlich ein tiefempfundener Sinn für Gerechtigkeit.

          Er sitzt in seinem Büro. An einer Wand hängen Fotos von ihm, wie er die Arme jubelnd hochwirft, wie er im Siegesrausch beide Hände zu Fäusten ballt. Er zündet sich eine Zigarette an. Hustet hart. Lässt seiner rempelnden Stimme freien Lauf, die sich sofort ausdehnt und alles ausfüllt. Dann erzählt er in einem Ton leichter Belustigung von einem verzweifelten Jungen.

          Als er sechs Jahre alt war, schickte ihn die Mutter ins Internat. Der Vater hatte die Familie drei Jahre zuvor verlassen. Der Mutter blieb neben ihrer Arbeit als Drogistin nicht viel Zeit, sich um den Sohn zu kümmern. Das Internat thronte auf einem Hügel am Rand von Wien. Nur an den Wochenenden, zwischen Samstag- und Sonntagmittag, durfte der Junge runter in die Stadt fahren, zu seiner Mutter. Strache erinnert sich, dass er damals nicht verstand, warum die Mutter ihn jedes Mal wieder wegschickte, warum er nicht wie andere Kinder zu Hause wohnen durfte.

          Ein einsamer Kämpfer für Gerechtigkeit?

          Mit zehn kam der Junge in ein anderes Internat, das noch strenger war als das erste. Manchmal wurden er und andere Mitschüler nachts von den Erziehern aus den Betten geholt und dazu gezwungen, sich mit ausgestreckten Armen in den Gang zu stellen. Im Winter bibberten sie vor Kälte. Niemand durfte die Arme sinken lassen. Wer nicht durchhielt, durfte am Wochenende nicht nach Hause. Es gab Erzieher, die auf die ausgestreckten Arme zusätzlich zwei oder drei dicke Bücher legten. „Manche Mitschüler sind an der Härte zerbrochen“, sagt Strache. „Manche sind stärker geworden. Ich bin stärker geworden.“

          Er erzählt, dass er einer war, der keine Angst vor den Erziehern hatte. Dass er den Schwächeren beistand, indem er stellvertretend für sie den Mund aufmachte und die Ungerechtigkeit anprangerte. Diese Rolle, die ihm damals die Kraft zum Überleben gab, will er seitdem nicht mehr ablegen. Er sieht sich heute noch so: als einsamer Kämpfer für mehr Gerechtigkeit; als Sprachrohr all jener, die anscheinend zu schwach oder zu ängstlich sind, um ihre Meinung zu sagen. Immer wieder beginnt er seine Sätze mit: „Ich bin ja der Einzige, der den Mut hat“, dieses oder jenes zu tun. Immer wieder betont er, wie er für seinen Mut bestraft wird, mit Diffamierungen, Shitstorms, Ausgrenzung.

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