https://www.faz.net/-gpf-10bm0

Österreich vor der Wahl : Der seriöse Pater Willi

  • -Aktualisiert am

Wenn Wilhelm Molterer in Fahrt gerät, schlägt der Funke über Bild: dpa

So logisch es war, dass Wilhelm Molterer zum Spitzenmann der ÖVP aufrückte, so skeptisch gaben sich einige seiner Partei-„Freunde“, ob man mit dem Fünftagebart tragenden „Pater Willi“ auch die Wählerschaft gewinnen könnte. Unterschätzen sollte man Molterers Chancen aber nicht.

          „Für die ÖVP steht der Mensch im Mittelpunkt, und für die SPÖ ist der Mensch Mittel. Punkt.“ Wenn Wilhelm Molterer so richtig in Fahrt gerät und ihm solche Bonmots über die Lippen kommen, schlägt der Funke über. Und klatschen die Zuhörer erst Beifall, löst sich auch die innere Spannung, die den ÖVP-Vorsitzenden und Spitzenkandidaten bisweilen umfängt. Dann sprudelt es aus Molterer heraus, dann wertet er sein gewohntes Auftreten als solider, kompetenter, überlegener Sachpolitiker mit schlagfertigen Wortspielen auf.

          Einmal kokettiert er mit seinem Äußeren: „Ich bin sicher nicht die Krone der Schöpfung.“ Um sogleich hinzuzusetzen: „Aber ich bin auch sicher keine Schöpfung der Krone.“ Der Seitenhieb auf den SPÖ-Vorsitzenden sitzt. Das Publikum weiß von Werner Faymanns Verquickungen mit Hans Dichand, dem Herausgeber des Massenblatts „Kronen Zeitung“.

          „Wahlzuckerln“ wider die Teuerung

          Vor der Nationalratswahl an diesem Sonntag kämpft der 53 Jahre alte ÖVP-Kanzlerkandidat nicht nur gegen die Konkurrenz, zuvorderst gegen Faymann, sondern auch gegen das Image eines eher spröden Kandidaten sowie gegen die nicht eben vor Mobilisierungseifer strotzenden Funktionäre seiner Partei. Umfragen zeigen, dass Sympathisanten der ÖVP deutlich weniger entschlossen sind, wählen zu gehen, als SPÖ- und FPÖ-Anhänger.

          Werner Faymann führt die SPÖ in die Wahlschlacht

          Sympathisanten der Freiheitlichen (FPÖ) von Heinz-Christian Strache zeigen sich ebenso zuversichtlich wie Anhänger Jörg Haiders, der als Kärntner Landeshauptmann für sein Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) als Spitzenkandidat in den Ring gestiegen ist. Nur etwa jeder vierte ÖVP-Anhänger hat den Eindruck, dass die Stimmung für die ÖVP während des Wahlkampfs besser wurde. Hingegen verspüren zwei Drittel der SPÖ-Sympathisanten eine Stimmungsverbesserung, seit Faymann von Alfred Gusenbauer das Parteiruder übernommen hat.

          Das dürfte damit zusammenhängen, dass der Wahlkampf der vergangenen Wochen davon erfüllt war, einander im Anpreisen unmittelbar bevorstehender Wohltaten zu übertreffen. Während Faymann, assistiert von Strache und Haider, „Wahlzuckerln“ wider die Teuerung verheißt, hält sich Molterer mit Blick auf die von ihm (als zuständigem Ressortchef) verwalteten Staatsfinanzen auffällig zurück. Soeben noch bat er Angela Merkel nach Linz, wo sie ihm als strahlende Wahlkampfhelferin zur Seite stand und den 1600 Funktionären und Gästen die über viele Jahre gewachsenen Gemeinsamkeiten etwa mit Blick auf die Marktwirtschaft in Erinnerung zu rufen, der die CDU die nähere Bestimmung „sozial“, die ÖVP indes ein „ökosozial“ beifügte, woran Molterer schon Ende der achtziger Jahre entscheidend Anteil hatte.

          Hausaufgaben von Frau Merkel

          Wie Molterer wies die Bundeskanzlerin auf die Gefahren hin, die aufgrund der Finanzmarktkrise am Konjunkturhimmel dräuten. Weshalb, wie Molterer ergänzte, verantwortungslos handele, wer milliardenschwere Geschenke verteile, die nicht nur den finanziellen Spielraum des Staates einengten, sondern nach der Wahl vom Steuerzahler doppelt und dreifach zurückzuerstatten seien. In Linz zeigten sich die ÖVP-Wahlkämpfer begeistert, ließen es Molterer auch spüren und dankten der deutschen Kanzlerin für ihren Zuspruch. Die gab ihnen eine Hausaufgabe mit ins letzte Gefecht vor dem Wahlsonntag: Sorgt dafür, dass die Sympathisanten der Partei „nicht nur einen freundlichen Gedanken an die ÖVP verschwenden, sondern sie ankreuzen“.

          Viele Stimmberechtigte sind noch unentschlossen. Weder ÖVP noch SPÖ geben sich im Kampf um Platz eins geschlagen, noch Grüne und FPÖ in jenem um Platz drei. Im Zusammenhang mit den Krisenerscheinungen im Finanzmarktsystem setzen laut Demoskopie viele auf Sicherheit. Ob das eher den Populisten mit ihren Versprechen, für Teuerungsausgleich zu sorgen, oder denen zugute kommt, die an die haushalts- und steuerpolitische Vernunft appellieren, wird der Wahlabend zeigen. Molterer und seine Wahlkampfverantwortlichen jedenfalls geben sich überzeugt davon, dass der Sicherheitsaspekt das Stimmungspendel in Richtung ÖVP hat schwingen lassen.

          Weitere Themen

          Kampagne gegen Biden

          Trump-Telefonat : Kampagne gegen Biden

          Donald Trump und seine Mitarbeiter setzten am Wochenende ihre Kampagne gegen Joe Biden und seinen Sohn fort. Sie wollen damit womöglich von einem eventuellen Amtsmissbrauch Trumps ablenken.

          Topmeldungen

          Vor UN-Klimagipfel : Jetzt muss endlich gehandelt werden

          Angela Merkel und ihre Regierung reisen mit einem Plan nach New York, mit dem sie nicht als Vorkämpfer fürs Klima zurückkehren werden. Nur guten Willen zeigen – das genügt nicht mehr. Die neuen Klimaberichte sind alarmierend.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.