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Wahlanalyse Österreich : Ein Sieg über fast alle Milieus und Schichten hinweg

Sebastian Kurz am Sonntagabend in Wien Bild: EPA

Warum die FPÖ nun doch mehr als erwartet verliert, die Sozialdemokraten ein Trauma erleben und warum die ÖVP von Sebastian Kurz nur in einer Wählergruppe abgeschlagen ist – die Analyse zur Österreich-Wahl.

          4 Min.

          Sebastian Kurz war überall. Er dominierte die Fernsehduelle, von denen es im österreichischen Wahlkampf „zahllose, wirklich zahllose“ gab, wie Bundespräsident van der Bellen Sonntagabend sagte. Kurz tingelte durch jede noch so abgelegene Gemeinde, machte permanent Social Media-Wahlkampf – mit Videobotschaften und im Chat mit seinen Anhängern. Die Ibiza-Affäre, in die sein ehemaliger Koalitionspartner, die FPÖ, verworren ist, hat ihm nicht geschadet – im Gegenteil.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Noch im vergangenen Jahr, einige Monate nach der Übernahme der Regierungsgeschäfte, war die Situation längst nicht so eindeutig. Im Herbst 2018 trennten die sozialdemokratische SPÖ und die ÖVP in den Umfragen fünf bis sechs Prozentpunkte. Vom Bruch der Koalition zwischen ÖVP und FPÖ – ausgelöst durch den Skandal um Heinz-Christian Strache – konnte die SPÖ als Oppositionsführerin nicht profitieren. Die Partei von Sebastian Kurz hingegen gewann hinzu und stieg auf 36 bis 38 Prozent in den Umfragen, die sie am Sonntag in 38,4 Prozent der Wählerstimmen verwandeln konnte. Fast 17 Prozentpunkte vor der zweitstärksten Partei, den Sozialdemokraten mit 21,5 Prozent.

          Der Zuwachs der ÖVP kam im geringen Maß von der SPÖ (74.000 Stimmen). Von der FPÖ kamen die meisten Stimmen im Vergleich zur Wahl 2017 (258.000). Bei dieser Wahl gab es doch den Einbruch in der Wählergunst, mit dem sowohl Beobachter als auch die Partei selbst nicht gerechnet hatten. Nachdem Strache zurückgetreten war und die Koalition brach, hielt sich die FPÖ stabil in den Umfragen bei 20 bis 23 Prozen. In den vergangenen Wochen aber sank sie nochmal auf 20 Prozent ab. Insgesamt verliert sie nun im Vergleich zur Nationalratswahl 2017 fast zehn Prozentpunkte und sinkt auf knapp 17 Prozentpunkte. Woran das lag? Norbert Hofer wurde vorgeworfen, er habe sein Haus auf Kosten des Regierung umbauen lassen. Weiterhin gab es Störfeuer vom zurückgetretenen Heinz-Christian Strache. Außerdem ist das entscheidende Thema der FPÖ, die Migration, auch in Österreich nicht mehr virulent.

          Ein Großteil der verbliebenen rund 17 Prozent dürften Stammwähler sein. Sie zeigen laut Umfragen des Instituts Sora, für die im Auftrag des ORF eine Stichprobe von 1000 Österreichern befragt wurde, eine hohe Identifikation mit dem Wahlprogramm.

          Geht es um die Ibiza-Affäre, sagt die Mehrheit der FPÖ-Wähler, dass diese typisch sei für „einzelne Politiker“, also ein Fehlverhalten Straches, nicht der Partei. 35 Prozent glauben, es sei typisch für alle Parteien. Das Misstrauen in Parteien als solche scheint also so groß zu sein, dass ein vom Vorsitzenden ausgelöster Parteiskandal das Wahlverhalten trotzdem nicht entscheidend beeinflusst. Zum Vergleich: Mehr als die Hälfte der Grünen- und zwei Drittel der SPÖ-Wähler sind überzeugt, dass die Ibiza-Affäre typisch ist für die FPÖ als Partei.

          Der Wahlkampf hat keine entscheidende Dynamik ausgelöst. Als schienen die Argumente noch von der letzten Wahl vor knapp zwei Jahren ausgetauscht und die Positionen klar, hatten sich die Wähler von ÖVP, SPÖ und FPÖ in drei Viertel der Fälle „schon lange“ festgelegt. Unter den Kurzentschlossenen, das zeigt der Vergleich von Briefwahl- und Wahldaten, aber auch die ORF-Umfragen, profitierte besonders die ÖVP als stärkste Partei nochmal leicht.

          Als Kurz vor drei Jahren seine „neue Volkspartei“ im feschen Türkis präsentierte, wirkte das noch etwas großspurig, In Zeiten sich immer weiter fragmentierender Wählermilieus scheint der Erfolg einer Volkspartei immer unwahrscheinlicher. Kurz ist nun genau das gelungen. Stärker noch als vor zwei Jahren gewinnt seine Partei über fast alle Regionen, Milieus und Schichten hinweg deutlich hinzu.

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