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Wahlsieg der ÖVP : Kurz greift nach der Macht

Sebastian Kurz am Wahlabend Bild: AFP

Nach seiner Abwahl hatte sich Sebastian Kurz zurückgezogen, nur in den sozialen Medien blieb er präsent. Jetzt will er wieder ins Bundeskanzleramt, aber eine Mehrheit muss er erst finden.

          2 Min.

          Die Bezeichnung „Altkanzler“ für Sebastian Kurz ist natürlich ein Witz. Oder aber eine gezielte Bosheit seiner Gegner, nachdem der kürzlich 33 Jahre alt gewordene Politiker der Österreichischen Volkspartei Ende Mai durch ein parlamentarisches Misstrauensvotum aus dem Bundeskanzleramt am Wiener Ballhausplatz vertrieben worden ist. Vorerst vertrieben, wird man nun nach der vorgezogenen Nationalratswahl sagen müssen. Kurz ist aus ihr als klarer Sieger hervorgegangen. Wenngleich weniger klar ist, in welcher politischen Konstellation künftig Österreich regiert wird. Denn von einer Alleinregierung, wie sie der Anführer der christlich-demokratischen ÖVP einmal als seine Wunschvorstellung bezeichnet hat, ist er doch weit entfernt. Eine Mehrheit muss er erst finden.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Kurz hat einen interessanten Wahlkampf geführt. Unmittelbar nach seiner Abwahl zog er sich aus dem politischen Wien zurück, auch sein Abgeordnetenmandat nahm er nicht wahr. Präsent blieb er den Sommer über nicht mit politischen Vorstößen und inhaltlichen Absichtserklärungen, sondern mit Bildern, die sich gut über die sozialen Medien verbreiten lassen – mit Bildern aus der Welt und aus der Provinz. Wie ein Staatsmann reiste er nach Amerika und traf im Silicon Valley Schwergewichte der New Economy. Dann wieder wanderte er, umgeben von Anhängern und Normalbürgern, durch Österreichs schöne Landschaften.

          Holprige Wahlkampfwochen

          So schön das inszeniert war, so ungewohnt holprig verliefen dann die Wahlkampfwochen, zumindest, was seine Organisation und Partei betrifft. Berichte über Spenden, die unter Ausnutzung aller gesetzlichen Hintertürchen nicht (sofort) veröffentlicht wurden, oder über ein mindestens unprofessionelles Vorgehen beim Datenlöschen überwogen in den Medien die inhaltlichen Aussagen der ÖVP.

          Dass der gebürtige Wiener Niederösterreich, wo er als Kind in den Ferien und an Wochenenden viele schöne Tage bei der Großmutter verbracht hat, als seine Heimat bezeichnete, ist nicht eine Unwahrheit, wie es die SPÖ im Wahlkampf nahelegen wollte. Aber natürlich ein politisches Signal an die traditionelle ländliche Basis der ÖVP.

          Erstaunlich viel Sympathie für einen Kanzler Kurz ist zugleich im „Wiener Gemeindebau“ zu verspüren, einer traditionell sozialdemokratischen Hochburg und in den vergangenen Jahren eine rot-blaue Kampfzone zwischen SPÖ und FPÖ. Das hängt mit der Migration zusammen, die Kurz seit 2015 zu seinem Thema gemacht hat. Die FPÖ muss einigermaßen ohnmächtig zusehen, wie Kurz ihr Leib-und-Magen-Thema besetzt und wie die migrationskritische Klientel die diesbezüglichen Maßnahmen der kurzzeitigen gemeinsamen Regierung in einem hohen Maße Kurz zuschreibt. Das geschieht auch im Milieu der linken Intellektuellen, die Kurz scharf ablehnen. Zahlenmäßig fällt das aber kaum ins Gewicht. Der Mann, der in nur acht Jahren Staatssekretär, Außenminister, ÖVP-Vorsitzender und schließlich Regierungschef wurde, will nun abermals nach dem Bundeskanzleramt greifen.

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