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FPÖ-Skandal um Liederbuch : Parodie und Provokation

Umstritten: FPÖ-Abgeordneter Wolfgang Zanger in Wien Bild: Picture-Alliance

Österreich diskutiert über ein Liederbuch einer Burschenschaft mit nationalsozialistischen und antisemitischen Inhalten. Da ein FPÖ-Politiker in die Affäre verwickelt ist, kommt die Partei vor der Landtagswahl in der Steiermark in Erklärungsnot.

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          In Österreich wird wieder über ein Liederbuch mit anstößigen Strophen diskutiert. Es ist das Werk der deutschnationalen Burschenschaft „Pennales Corps Austria zu Knittelfeld“ aus der Steiermark. Eine der Zeilen enthält den nationalsozialistischen Gruß „Heil Hitler“, eine andere schmäht „Rothschild“ als „das größte Schwein“. Ein weiteres der Lieder würdigt die österreichische Nationalhymne herab. „Land der Nehmer, Land der Geber, Land der Kriecher, Land der Streber“, heißt es in dem Lied.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Weil ein steirischer Nationalratsabgeordneter der rechten Partei FPÖ, Wolfgang Zanger, Mitglied in der betreffenden Burschenschaft ist und, wie er selbst erklärte, ein Exemplar dieses Liederbuchs besitzt, ist eine politische Affäre daraus geworden. Da in der Steiermark Ende November gewählt wird, ruft sie besonders pointierte Stellungnahmen hervor. Zugleich dürfte die bevorstehende Landtagswahl auch der Anlass dafür sein, dass das Liederbuch über die „Kronen-Zeitung“ an die Öffentlichkeit gespielt worden ist.

          Zanger selbst distanzierte sich zwar von Nationalsozialismus und Antisemitismus im Allgemeinen, aber nicht von dem Liederbuch. Man könne sich nicht von etwas distanzieren, das man nicht selbst verfasst habe, lautete seine Argumentation. Er betrachte sich als zu Unrecht angegriffen – als „Feind Nummer 1“. Die Parteiführung der FPÖ in Bund und Land reagierte ähnlich: Man distanzierte sich von den betreffenden Zeilen, bezeichnete aber die Skandalisierung durch Medien und politische Konkurrenz als „Schmutzkübel-Kampagne“ mit dem Zweck, vor der Landtagswahl der FPÖ zu schaden.

          Ähnliches geschah bereits 2018 vor einer Landtagswahl in Niederösterreich. Dort tauchte ein umstrittenes Liederbuch einer Burschenschaft auf, der FPÖ-Spitzenkandidat Udo Landbauer angehörte. Die FPÖ war zu dem Zeitpunkt Regierungspartei im Bund, Landbauer trat von allen Ämtern zurück. Inzwischen steht er wieder an der Spitze der niederösterreichischen Landespartei. Er berief sich auf eine Feststellung der Staatsanwaltschaft, wonach er sich strafrechtlich nichts habe zuschulden kommen lassen.

          Auch als Parodie äußerst verwerflich

          Wolfgang Zanger dagegen erklärte von vornherein, und zwar in Großbuchstaben auf Facebook, „niemals“ zurückweichen zu wollen. Seine Partei äußerte den Standpunkt, es handle sich um Trinklieder, zudem um historische Parodien auf die großgermanische Rassenideologie des Nationalsozialismus.

          Besieht man sich die beanstandeten Strophen im Einzelnen, so dürfte das in der Sache nicht durchwegs falsch sein. Ein Lied, das – wie die FPÖ betonte – auch in Liederbüchern katholischer und damit ÖVP-naher Studentenverbindungen vorkomme, handelt von den „alten Germanen“, zu denen in diesem Fall nacheinander Tacitus und ein „Araberscheich“ treten. Der eine sagt „Heil Hitler“ und wird als „Bruder der Achse“ begrüßt, der andere reklamiert, ebenfalls ein „Indogermane“ zu sein. Das ist zweifellos Unfug. Dieses Liederbuch enthält auch nicht die besonders anstößige Strophe aus dem besagten niederösterreichischen Exemplar mit grundsätzlich demselben Lied, in der „Ben Gurion“ mit der Aufforderung auftritt „Wir schaffen die siebte Million“ – ebenfalls Unsinn, aber eine üble Bagatellisierung des Holocausts.

          Andererseits ist im Knittelfelder Liederbuch das Lied vom reichen „Rothschild“. Damit wird ein antisemitisches Motiv aufgegriffen, das nicht zuletzt in der nationalsozialistischen Propaganda eine große Rolle spielte. Auch das verunglimpfende Lied über Österreich sollte für Politiker mit dem Anspruch, Verantwortung in dem Land zu übernehmen, erklärungsbedürftig sein. Die FPÖ gab zwar an, es handle sich um Schriftstücke privater Vereine. Aber die Partei ist in diesem Milieu tief verwurzelt und schöpft ihre Kader daraus, und zwar mehr denn je.

          Geschmacklose Provokationen sind an der Tagesordnung

          Laut von der FPÖ unbestrittenen Medienberichten sind 12 der 30 im September gewählten Parlamentsabgeordneten der Partei Mitglieder von Burschenschaften oder anderen „völkischen“ Studentenkorporationen. In diesem Milieu gilt es offensichtlich als reizvoll, mit Verstößen gegen „politische Korrektheit“ zu kokettieren. Da finden sich auf dem Kleiderschrank eines Altvorderen auch schon mal die Büsten von Stalin und Hitler. Ein Lied mit „Heil Hitler“ klingt in einem solchen Zusammenhang nicht wie eine historisierende Parodie, sondern wie eine bewusste Provokation.

          Wo das im Privaten gang und gäbe zu sein scheint, bricht gelegentlich auch öffentlich durch: etwa als eine FPÖ-Funktionärin am 20. April ein Foto von Eiernockerln in sozialen Netzen teilte – an sich ein harmloses Gericht mit Teigwaren, aber nicht, wenn zu „Hitlers Geburtstag“ dessen angebliche Leibspeise herumgereicht wird. Auch das berüchtigte „Rattengedicht“ eines FPÖ-Lokalfunktionärs war so ein Fall: Die Geschmacklosigkeit erhält eine neue Dimension, wenn das Gedicht ausgerechnet in Hitlers Geburtsstadt Braunau – und ausgerechnet um den 20. April herum – verteilt wird.

          Als Regierungspartei hat die FPÖ in den prominenteren Fällen personelle Konsequenzen gezogen. Der neue Vorsitzende Norbert Hofer hat sich nun satzungsmäßige Rechte zugestehen lassen, dies noch schneller tun zu können. Doch gibt es in der Partei – siehe Zangers Einlassung – auch die Auffassung, man dürfe „niemals“ mehr nachgeben. Der ÖVP-Vorsitzende Sebastian Kurz hat, als er im Mai das Ende der Koalition mit der FPÖ verkündete, unter anderem gesagt, er sei es leid gewesen, immer wieder neue „Einzelfälle“ aus den Reihen des Regierungspartners „schlucken“ zu müssen.

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