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Österreich : Klestil im künstlichen Koma

  • Aktualisiert am

Der österreichische Bundespräsident Thomas Klestil Bild: dpa/dpaweb

Der österreichische Bundespräsident hat wenige Tage vor dem Ausscheiden aus seinem Amt einen Herzstillstand erlitten. Der 71 Jahre alte Klestil schwebt in „akuter Lebensgefahr“.

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          Kurz vor Ende seiner Amtszeit hat der österreichische Bundespräsident Thomas Klestil einen lebensbedrohlichen Herzstillstand erlitten. Der 71 Jahre alte Politiker schwebe in „akuter Lebensgefahr“, wurde ein behandelnder Arzt zitiert.

          Spezialisten des Wiener Allgemeinen Krankenhauses rangen auf der Intensivstation um das Leben des scheidenden Staatschefs. Nach Angaben einer Krankenhaussprecherin litt Klestil an einem akuten Lungenproblem. Atembeschwerden hätten zu einem Mangel an Sauerstoff geführt und zur Unterbrechung des Herzrhythmus geführt, sagte der medizinische Leiter des Hospitals, Reinhard Krepler. „Im besten Fall muß er mindestens 14 Tage im künstlichen Koma“ bleiben, fügte er hinzu. „Wir sind sehr besorgt, aber wir haben noch nicht die Hoffnung verloren.“

          Alte Lungeprobleme

          Mitarbeiter seines Sicherheitspersonals hatten Klestil am Morgen in seiner Privatvilla mit Hilfe eines Defibrillators reanimieren können, ein Notarzt setzte die Wiederbelebungsmaßnahmen fort. Anschließend wurde Klestil mit einem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus gebracht.

          Nach Angaben von Ärzten sind bei Klestil alte Lungenprobleme wieder aufgetreten, die ihn bereits im Herbst 1996 wochenlang ans Krankenbett gefesselt hatten. Dabei habe es sich um eine „atypische Lungenentzündung“ gehandelt.

          Schüssel übernimmt Amt vorübergehend

          Die für diesen Donnerstag geplante Amtsübergabe an Klestils Nachfolger, Heinz Fischer, wurde abgesagt. Gemäß der Verfassung übernahm Bundeskanzler Wolfgang Schüssel interimsweise das Amt des Präsidenten, wie ein Sprecher Schüssels mitteilte.

          Der Präsident des Nationalrates, Andreas Kohl, zeigte sich tief bewegt. Nach seinen Angaben soll Klestils Nachfolger wie geplant am Donnerstag vormittag vor den Abgeordneten beider Parlamentskammern vereidigt werden. Der sozialdemokratische Kandidat Fischer war im April in das Präsidentenamt gewählt worden.

          Lange Jahre im Ausland

          Als jüngstes von fünf Kindern wurde Thomas Klestil am 4. November 1932 in Wien geboren. Er studierte Wirtschaftswissenschaften und trat 1957 in den Staatsdienst ein. Als Mitglied der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) arbeitete er zunächst im Bundeskanzleramt, bevor er 1959 für drei Jahre zur OECD nach Paris ging.

          Mehrere Jahre seines Berufslebens verbrachte Klestil in den Vereinigten Staaten, zunächst von 1969 bis 1974 als Generalkonsul in Los Angeles, später als Vertreter seines Landes bei den Vereinten Nationen und Botschafter in Washington.

          Nachfolger von Waldheim

          Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Klestil erst mit seiner Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten. Er setzte sich im Mai 1992 in der Stichwahl gegen den favorisierten SPÖ-Kandidaten Rudolf Streicher durch und wurde am 8. Juli 1992 als Nachfolger von Kurt Waldheim vereidigt.

          Nachdem die ausländischen Kontakte unter Waldheim - wegen dessen umstrittener Vergangenheit als Wehrmachtsoffizier - abgekühlt waren, bemühte sich Klestil, die Beziehungen, insbesondere zu den europäischen Nachbarn, auf eine neue Basis zu stellen. So war er wesentlich an der Vorbereitung des österreichischen EU-Beitritts beteiligt. Bei seinem Staatsbesuch in Israel bekannte sich Klestil 1994 als erster österreichischer Bundespräsident zur Mitschuld seines Landes am Holocaust.

          Populär und volksnah, aber angeschlagen

          Klestil galt zu Beginn seiner Amtszeit als populärer Präsident, der die Volksnähe suchte. Doch entsprechende Termine - wie etwa Tage der offenen Tür - wurden auf Grund seiner gesundheitlichen Probleme ab 1996 immer spärlicher.

          Außerdem litt das Ansehen des Bundespräsidenten unter einer Ehekrise, die 1994 mit dem Auszug seiner ersten Frau aus der Amtsvilla endete. Dennoch wurde Klestil 1998 im Amt bestätigt, nach seiner Wiederwahl heiratete er seine einstige Wahlhelferin und Mitarbeiterin Margit Löffler.

          Klestils Krankengeschichte begann im September 1996: Wegen einer schweren, atypischen Form der Lungenentzündung musste er im Krankenhaus in ein künstliches Koma versetzt werden. Bundeskanzler Franz Vranitzky übernahm vorübergehend die Amtsgeschäfte, später amtierte Klestil vom Krankenbett aus. Erst im Januar 1997 kehrte er in die Wiener Hofburg zurück. Im Juni vergangenen Jahres wurde Klestil abermals mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert. Diese überstand er Medienberichten zufolge ohne Komplikation.

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