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Österreich : „Je zerstrittener die EU, desto größer die Chancen für Hofer“

Je schwächer die EU, desto besser die Chancen für FPÖ-Mann Hofer? Bild: Reuters

Ob Norbert Hofer von der FPÖ nach der Annullierung der Stichwahl österreichischer Bundespräsident wird, hängt auch von der EU ab, sagt Wahlforscher Christoph Hofinger. Wenn sie nach dem Brexit-Votum hilflos agiere, werde die FPÖ davon profitieren.

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          Herr Hofinger, in Österreich muss die Stichwahl um das Amt des Bundespräsidenten wiederholt werden – wer hat jetzt bessere Chancen, Alexander van der Bellen oder Norbert Hofer?

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Derjenige, der seine Anhänger in den nächsten Wochen stärker mobilisieren kann. Die Wähler, die in der Stichwahl für Van der Bellen gestimmt haben, haben jetzt das Gefühl, durch die Entscheidung des Gerichts um ihren legitim gewählten Präsidenten betrogen zu werden – das ist eigentlich die stärkste Mobilisierung, die man sich vorstellen kann. Aber die FPÖ wird versuchen das auszugleichen, indem sie kommuniziert, ihr sei der rechtmäßige Sieg Hofers nur durch die Unregelmäßigkeiten bei der Stichwahl weggenommen worden, und jetzt gebe es endlich die Gelegenheit, diese Sache gerade zu rücken. Beide Kandidaten werden im Grunde mit derselben Strategie um ihre Wähler kämpfen – wer dann am Ende vorne liegt, kann man heute schwer sagen.

          Hat Hofer durch das Brexit-Votum der Briten jetzt bessere Chancen als zuvor, noch Bundespräsident zu werden?

          Das hängt davon ab, wie sich die EU in den kommenden Wochen und Monaten präsentiert. Wenn sie auf die Krise vergleichsweise geordnet und souverän reagiert, könnte das die Wählerschaft von Van der Bellen noch stärker als bislang mobilisieren, der ein klarer Befürworter von Europa ist. Wenn die Auflösungstendenzen in Europa aber weiter zunehmen und die Menschen das Gefühl bekommen, dass die Union immer hilfloser und verzagter wirkt, wird die europakritische FPÖ profitieren und Hofer kann tatsächlich Präsident werden. Je zerstrittener die EU, desto größer sind seine Chancen.

          Die deutsche AfD frohlockt schon jetzt und feiert die Entscheidung von Wien nach dem britischen Referendum als zweite gegen die „Eliten“ binnen einer Woche. Wird auch die FPÖ jetzt noch stärker Stimmung gegen „die da oben“ machen?

          Ich glaube nicht, dass Norbert Hofer öffentlich sehr populistisch agieren wird. Wie Alexander Van der Bellen hat auch er aus dem letzten Wahlkampf gelernt, dass es ihm eher schadet, wenn er nicht präsidial auftritt wie bei dem unmoderierten Fernsehduell, das im ganzen Land für Entsetzen gesorgt hat. Der entscheidende Faktor bei der Wahl wird auch nicht der Brexit sein, sondern die österreichische Innenpolitik. Wir haben berechnet, dass Hofer ohne den Wechsel im Kanzleramt von Faymann zu Kern jetzt ziemlich sicher Präsident wäre. Es gibt also ganz klar einen „Christian-Kern-Effekt“, der zwar im niedrigen einstelligen Bereich liegt, bei dem knappen Ergebnis zwischen van der Bellen und Hofer aber entscheidend ist. Wenn die Bundesregierung in den kommenden Monaten überzeugend agiert, wird das van der Bellen nutzen – sonst wird Hofer profitieren.

          Wahlforscher Christoph Hofinger
          Wahlforscher Christoph Hofinger : Bild: SORA Institute for Research and Consulting Ogris & Hofinger

          Was kann die FPÖ vom Erfolg der Brexit-Befürworter in Großbritannien lernen?

          Österreich ist ein Netto-Exporteur von Populismus. Es hat seit 30 Jahren Erfahrung mit gut organisiertem, strategisch konsequentem Populismus – eine Erfahrung, die andere Länder wie Großbritannien oder auch die Vereinigten Staaten in dieser massiven Form jetzt gerade zum ersten Mal machen. Das heißt, Österreich muss in Sachen Rechtspopulismus wahrlich nichts von anderen Ländern lernen. Im Gegenteil: Viele Rechtspopulisten in Europa orientieren sich jetzt an den Strategien, mit denen die FPÖ in Österreich seit vielen Jahren erfolgreich ist.

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