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Pandemiebekämpfung : Österreich diskutiert Lockdown für alle

Menschen warten vor einem Corona-Testzentrum in einem Einkaufszentrum in Pasching. Bild: dpa

In manchen Teilen Österreichs ist die Lage an den Kliniken dramatisch. Nun denkt Wien über Maßnahmen nach, die über den Lockdown für Ungeimpfte deutlich hinausgehen. Angespannt ist die Situation auch in der Tschechischen Republik und in der Slowakei.

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          In mehreren Ländern Mitteleuropas klettern derzeit die Zahlen der Corona-Neuinfektionen auf Rekordwerte. In Österreich wurden am Mittwoch 14.416 Neuinfektionen binnen 24 Stunden gemeldet, das ist deutlich mehr als auf den Höhepunkten der vorherigen Wellen der Pandemie. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei 953 Fällen je 100 .000 Einwohnern. Einen Allzeit-Höchststand meldete auch die Tschechische Republik, wo es bei geringfügig größerer Bevölkerungszahl sogar 22.479 Neuinfektionen waren, eine Verdoppelung gegenüber dem Vortag (Inzidenz 813). Ungarns Zahlen liegen darunter, bewegen sich aber auch mit einer Inzidenz von 535 auf den bisherigen Höchststand von Ende März zu. Die Slowakei (Inzidenz 792) hat diesen Punkt schon Ende Oktober überschritten.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Gemeinsam ist den Staaten in dieser Region eine mäßige Impfquote: In Österreich sind 64 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, in Ungarn 60 Prozent, in der Tschechischen Republik 58 Prozent, in der Slowakei nur 43 Prozent. Gleichwohl zeigt sich eine Wirkung der Impfungen an den Patientenzahlen in den Krankenhäusern. In Österreich ist noch weniger als die Hälfte der für Covid-Patienten reservierten Intensivbetten belegt, in früheren Wellen lag (bei geringeren Infektionszahlen) die Rate bei bis zu 60 Prozent.

          „Corona-Tote steckst du in einen Plastiksack“

          Allerdings ist die Auslastung von Region zu Region unterschiedlich. Schwer betroffen sind die Bundesländer Salzburg und Oberösterreich. In Salzburg wurde schon am Dienstag an den Landeskliniken eine Triage-Kommission gebildet, die Entscheidungen treffen müsste, wer bei der Zuteilung eines Intensivplatzes Vorrang hätte. Derzeit sind offiziell die Auslastungszahlen noch nicht an der Grenze, doch wurde mit Blick auf die Dynamik der Entwicklung Alarm geschlagen.

          In Oberösterreich ist dieser Schritt noch nicht erfolgt. Doch erregte der Bericht einer Intensivpflegerin an einem oberösterreichischen Krankenhaus, die von der Austria Presseagentur anonym interviewt wurde, Aufsehen: Von Sonntag auf Montag habe es dort so viele Todesfälle gegeben, dass die Leichname „wegen Überfüllung am Gang abgestellt werden“ mussten. „Corona-Tote steckst du nackt in einen luftdicht verschlossenen Plastiksack, zippst zu, und das war’s.“

          Slowakei droht mit Betriebsschließungen

          Entsprechend wird darüber diskutiert, den erst diese Woche eingeführten „Lockdown für Ungeimpfte“ auszuweiten. In der „türkis-grünen“ Regierung in Wien drangen bislang die Grünen mit Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein auf zusätzliche Maßnahmen, etwa eine Sperrung der Nachtgastronomie für alle. Das hatte die ÖVP mit Bundeskanzler Alexander Schallenberg barsch zurückgewiesen. Er versuchte die Linie zu halten, dass es keine Schließungen für Geimpfte geben dürfe. Am Mittwoch nach einer Sitzung des Ministerrats schloss die Regierung weitere Schritte aber nicht mehr aus. Am Freitag werde mit den Landeshauptleuten beraten.

          In der Tschechischen Republik hat Ministerpräsident Andrej Babiš, der bis zur Ernennung eines Nachfolgers nur mehr geschäftsführend im Amt ist, angekündigt, ab kommende Woche eine 2-G-Regel (genesen, geimpft) für Gastronomie- und Beherbergungsbetriebe sowie für Veranstaltungen einzuführen. Derzeit genügt ein negativer Test. Die Slowakei hat vorige Woche die Regeln verschärft. Sollten die Gesundheitsbehörden oder die Polizei an einem Arbeitsplatz infizierte Personen antreffen, können sie den Betrieb mit sofortiger Wirkung für die Dauer von bis zu 30 Tagen schließen. Sabotageakte und verbale wie physische Angriffe von Impfgegnern und „Masken-Verweigerern“, wie sie zuletzt vorgekommen sind, sowie das Fälschen von Impf- oder Testbestätigungen, werden nun mit eigenen Strafbestimmungen verfolgt.

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