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Österreich : Auf der Jagd mit Jörg Haider und Franz Schausberger

  • -Aktualisiert am

Haider kämpft ums politische Überleben Bild: APA FILES

Der Rechtspopulist Haider kämpft um seine Wiederwahl als Landeshauptmann. Wenn am kommenden Sonntag im österreichischen Bundesland Kärnten die Wahllokale öffnen, geht es um sein politisches Überleben.

          „Kärnten is a Woahnsinn!" Lauthals singt der Jörgl mit auf der gleichnamigen CD. Termingerecht ist sie gepreßt und von seinen Helfern unter die Leute gebracht worden. Denn der Wahlkampf in Kärnten und im Salzburger Land geht dem Ende zu. Für Jörg Haider und Franz Schausberger, die fürstengleichen Landeshauptleute (Ministerpräsidenten), geht es ums Ganze.

          Kann Haider seinen Landeshauptmann-Sessel wieder einnehmen, würde dies seine nach dem schlechten Abschneiden der FPÖ in der Nationalratswahl schwache Stellung im Bund außerordentlich stärken; niemand könnte ihm die Rückkehr an die Spitze der Bundes-FPÖ streitig machen. Im Bundesland Salzburg, seit 1945 in ÖVP-Hand, scheint indes erstmals ein Machtwechsel möglich. Gabi Burgstaller, Bauerntochter - was für eine hiesige SPÖ-Politikerin außergewöhnlich ist - und Rechtsanwältin, will den wenig volksnah auftretenden, ehemaligen Universitätsdozenten Schausberger ablösen. Damit erhielte auch Kanzler und ÖVP-Chef Schüssel eine Schramme. Hat Haider in Kärnten Erfolg - trotz des von ihm seinerzeit inszenierten "Putschs von Knittelfeld", der die erste schwarz-blaue Koalition kollabieren ließ, und trotz anderer Eskapaden, wie die Begegnungen mit Saddam Hussein -, was seine demoskopisch ausgewiesene Aufholjagd zur bisher führenden SPÖ nahelegt, so verlöre auch sein "Entzauberer" Schüssel ein wenig von seinem Zauber.

          Ganz in seinem Element

          Haider ist ganz in seinem Element, weil die Wahlkonstellation anspornender nicht sein könnte für ihn. Die Landes-ÖVP hat wider Schüssels Rat den Fehler begangen, die Wiederwahl Haiders zum Landeshauptmann im Landtag kategorisch auszuschließen; jetzt scheinen ihr die Wähler davonzulaufen. Und die Kärntner SPÖ muß sich - trotz Mitwirkens in der Landesregierung in den vergangenen fünf Jahren und Zusammenarbeitens mit Haider gemäß verfassungsrechtlich vorgegebenem Kollegialitätsprinzip wie die ÖVP - von ihm abgrenzen.

          Das kommt seinem zwischen 1986 und 1999 im Bund wider die große Koalition aus SPÖ und ÖVP unter Vranitzky und Klima gepflegten Opfermythos entgegen: "Seht her, sie grenzen mich wieder aus." Wie in alten Zeiten war es ihm im Wahlkampf darum zu tun, den Oppositionspolitiker, Fundamentalkritiker des Systems und Landesvater in einem zu geben. Für Haider, der augenscheinlich mit mehr Kärntnern per Du ist als das Land Wähler hat, begann seit Wochen der Wahlkampftag vor der Nachtweiche, und er endete in Freibiergedünst nach Mitternacht.

          Joppe und Lederhose

          Nichts ließ er aus: weder Trachtenumzüge noch Bierfeste in Joppe und Lederhose oder in Schottenkilt, Leiberl und Stutzen; nicht Diners im Jackett, nicht Aufzüge im steifen Smoking; weder mangelte es seiner Entourage an Gogo-Girls, noch fehlte die Narrenkappe auf Haiders Haupte im legendären Villacher Fasching. Kein Grillhendl-Fest, Stelzen-Essen, Fallschirmspringen, Ballonfahren, Rodeln oder Eisstockschießen ohne den Landesvater: Haider zu entkommen war in diesem Wahlkampf so gut wie ausgeschlossen. FPÖ-Funktionären ist derlei "Event-Schmäh" zuwider; sie sehen allzuviel zeitgeistiges Belieben darin sowie Grundsätze, Werte und Ideologie ihrer Partei dahingehen. Doch letztlich zählt der Erfolg - Haiders Erfolg, so er sich tatsächlich einstellt.

          In den letzten Tagen vor dem Wahlgang spitzte sich die Auseinandersetzung zu einer Art Duell zwischen Haider und seinem SPÖ-Herausforderer und Vorvorgänger Ambrozy zu. Daß eigentlich 36 Landtagsabgeordnete zu bestimmen sind, trat in den Hintergrund. Auch daß das Kräfteverhältnis im Landtag die Zusammensetzung der Landesregierung regelt, war kein Thema. Sowohl der FPÖ als auch SPÖ und ÖVP ging und geht es nur um die Frage, wer den Landeshauptmann stellt. Politisch unklug war dabei die Festlegung der ÖVP-Spitze, weder Haider noch Ambrozy im Landtag zu wählen, Haiders Wiederwahl wolle man auf jeden Fall mit Hilfe der Geschäftsordnung verhindern. Der ÖVP scheint diese Festlegung sowie Gegenwind aus der Bundespolitik - vor allem durch Auswirkungen der zu Jahresbeginn in Kraft getretenen Rentenreform - nicht gutzutun: alle Umfragen sagen Verluste voraus. Erhielte sie weniger als 18 Prozent, müßten Landesobmann Wurmitzer und Spitzenkandidatin Scheucher ihren Abschied nehmen. Das käme Schüssel nicht ungelegen, zumal er Haider lieber in Klagenfurt als in Wien sieht und Interesse daran haben muß, daß eine neue ÖVP-Landesspitze für dessen Wiederwahl sorgt, damit der "Karawanken-Gaddafi" die schwarz-blaue Wiener Koalition nicht über Gebühr (ver)stört.

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