https://www.faz.net/-gpf-14qqe

Obamas Afghanistan-Rede : Das Wort „Sieg“ ist nicht gefallen

  • -Aktualisiert am

Obama spricht in West Point Bild: dpa

Die Verstärkung der Afghanistan-Truppe, die Obama verkündet hat, ist umfassender als jene „Surge“, mit der Bush das Blatt im Irak-Krieg wendete. In seiner eigenen Partei heißt es schon, nun reise Obama als „Kriegspräsident“ zur Verleihung des Friedensnobelpreises.

          In der bisher wichtigsten Rede seiner Amtszeit, recht besehen seiner ersten Rede als Oberbefehlshaber der mächtigsten Streitmacht der Weltgeschichte, hat Präsident Barack Obama den Krieg in Afghanistan erklärt. Damit ist es nun endgültig „sein“ Krieg – so wie der Krieg im Irak der Krieg seines Amtsvorgängers George W. Bush war.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Obama hat, wie das seine Art ist, seinen Krieg in einer geschliffenen Rede erklärt, argumentativ strukturiert und zwingend formuliert. Sein Publikum in der „Eisenhower Hall“ der Militärakademie West Point im Bundesstaat New York waren Kadetten in den unverwechselbaren grauen Ausgehuniformen dieser ehrwürdigen Bildungseinrichtung der Streitkräfte; an den Fernsehschirmen und über die Medien waren es das amerikanische Volk, die Verbündeten und die Feinde, die Menschen in Afghanistan und in aller Welt. Hin und wieder löste der Präsident deshalb seinen Blick von den beiderseits des Rednerpults aufgestellten Telepromptern, von welchen er seine Reden abzulesen pflegt, und schaute direkt in die Kamera, dem amerikanischen Volk, der Welt und auch der Geschichte ins Auge.

          Nun sollen also, das ist das erste Kernstück der neuen Strategie, nochmals 30.000 amerikanische Soldaten an den Hindukusch geschickt werden. Und zwar so schnell wie möglich: spätestens bis Mitte kommenden Jahres. Denn sie sollen auch so rasch wie möglich wieder aus Afghanistan abgezogen werden; wenn alles nach Plan läuft schon von Juli 2011 an. Freilich, so versicherte Obama, sei dieser Abzugsplan flexibel: Nur wenn es die Verhältnisse in Afghanistan zulassen sollten, werde der Abzug gerade einmal ein Jahr nach der vollständigen Stationierung der dann gut 100.000 Mann starken amerikanischen Streitmacht in Afghanistan beginnen.

          „Ihr habt alle Uhren, und wir haben alle Zeit“

          Es ist dieses zweite Kernstück der neuen Afghanistan-Strategie, die sogleich auf Kritik maßgeblicher Republikaner stieß. Zwar dürften seine politischen Gegner Präsident Obama bei der Verwirklichung der neuen Afghanistan-Strategie am Ende geschlossen unterstützen. Aber zuerst schimpften sie. „Man gewinnt Kriege, indem man den Willen des Feindes bricht, nicht indem man den Zeitpunkt verkündet, zu dem man abziehen will“, sagte etwa Obamas Widersacher der Präsidentenwahl von 2008, Senator John McCain. Andere brachten den denkwürdigen Satz in Erinnerung, den der ehemalige amerikanische Botschafter in Kabul, Zalmay Khalilzad, einmal von einem Taliban-Kommandeur zu hören bekam: „Ihr habt alle Uhren, und wir haben alle Zeit.“

          Schließlich wurde festgestellt, dass Obama in seiner knapp 40 Minuten langen Rede gut 4500 Worte sprach, dass er das Terrornetz Al Qaida knapp zwei Dutzend und die Taliban ein Dutzend Mal erwähnte. Aber das Wort „Sieg“ sprach er kein einziges Mal aus.

          Vom Standpunkt der militärischen Kommandeure in Afghanistan aus betrachtet, erlegt Oberbefehlshaber Obama ihnen mit seiner „Blitzverstärkung“ ein erhebliches Risiko auf. Die vom Chef des Zentralkommandos der amerikanischen Streitkräfte, Heeres-General David Petraeus, wesentlich erarbeitete und gemeinsam mit dem damaligen Befehlshaber der Spezialeinheiten im Irak, General Stanley McChrystal, dort erfolgreiche durchgesetzte Strategie zur Bekämpfung von Aufständischen soll nun auch in Afghanistan den Durchbruch bringen, und zwar möglichst binnen zwölf Monaten. Was aber geschieht, wenn sich die Sicherheitslage von Mitte 2010 bis Juli 2011 nicht so deutlich wie erhofft verbessert? Was, wenn die unvermeidliche Anfangsphase, in der die verstärkten Truppen im Kampf gegen die Aufständischen und für die Sicherheit der zu schützenden Zivilbevölkerung einen abermals erhöhten Blutzoll entrichten müssen, länger dauert und sich der Erfolg bei der Befriedung des Landes allenfalls langsam einstellt?

          Weitere Themen

          In zwei Fliegern nach Amerika Video-Seite öffnen

          Kritik an Bundesregierung : In zwei Fliegern nach Amerika

          Bundskanzlerin Angela Merkel und Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer fliegen fast zeitgleich an die Ostküste der Vereinigten Staaten. Sie nutzen dabei jedoch zwei getrennte Flugzeuge.

          Topmeldungen

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.
          Viele Fragen an den Präsidenten in der Whistleblower-Affäre: Donald Trump beantwortet Reporterfragen vor dem Weißen Haus.

          Telefonat mit Selenskyj : Trumps Erpressung

          Für Donald Trump ist das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten nicht verwerflich. Er sieht nichts Schlimmes darin, seine Macht zu nutzen, um politischen Konkurrenten wie Joe Biden zu schaden. Dabei beginnt der Skandal schon an anderer Stelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.