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Kampf gegen den „Islamischen Staat“ : Das Kalkül des Präsidenten

Obama, der kühle Analytiker, will amerikanische Interessen wahren. Humanitäre Einsätze sind für ihn nur Beiwerk. Bild: AFP

Barack Obama will nicht die selben Fehler wie sein Vorgänger George W. Bush machen. Um Amerika aus dem Konflikt in Syrien und im Irak zu halten, geht er merkwürdige Koalitionen ein. Im Weißen Haus rechnet niemand mit einer schnellen Lösung.

          Die türkische Regierung erklärt Obamas Syrien-Strategie für dumm. „Tyrannei und Massaker“ würden die Region so lange prägen, wie Assads Regime nicht beseitigt sei, dozierte Außenminister Cavusoglu. Doch seine Belehrungen gingen ins Leere. Denn nie hat Obama behauptet, Amerikas Militär werde das Leiden der Syrer und ihrer bedrängten Nachbarvölker beenden. Schon im Sommer 2013, als er die Assad zugeschriebenen Giftgasattacken noch mit Raketen bestrafen wollte, hatte der Oberbefehlshaber verkündet, seine Streitkräfte würden sich nicht in den „Krieg anderer Leute“ einmischen.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Als er in diesem Sommer den Amerikanern erklärte, dass Hunderte Soldaten in den Irak zurückkehren würden, verwies Obama zwar gern auf dankbare Yeziden, die Amerika vor der Ausrottung bewahrt habe. Aber auch da beschrieb er humanitäre Missionen nie als Ziel, sondern eher als möglichen Mitnahmeeffekt. Rettungsaktionen wie die am Berg Sindschar dürften Amerikaner weder gefährden noch von ihrer eigentlichen Aufgabe ablenken: den Irak in die Lage zu versetzen, dem „Islamischen Staat“ entgegenzutreten.

          Seit Tagen werden die Amerikaner ungläubig gefragt, wie sie es zulassen könnten, dass der IS die Kurdenstadt Kobane attackiert, einen Steinwurf vom Nato-Staat Türkei entfernt. Das zeigt, dass kaum jemand Obama beim Wort genommen hat. Sowohl die Gegner als auch die Befürworter einer massiven Syrien-Intervention haben seine Bedingungen überhört. Sie wollten nur verstehen, dass sich der angebliche Anti-Bush doch noch in einen Interventionisten verwandelt habe. Obamas Auftrag an die Generale ist aber eng gefasst.

          Ist der IS Amerikas neues Al Qaida?

          Der Öffentlichkeit, die dank Live-Schaltungen aus der Türkei mit den kurdischen Verteidigern Kobanes mitfiebert, erklärte das Pentagon, dass die Schlacht kaum strategische Bedeutung habe. Das stimmt zwar nicht ganz, denn jeder sichtbare Erfolg des „Islamischen Staats“ verstärkt dessen Anziehungskraft auf die Dschihadisten der Welt. Aber die Amerikaner, die sich in Syrien nur am Beginn einer jahrelangen Antiterrormission sehen, haben andere Prioritäten.

          Ihre Kampfflugzeuge und Drohnen zerstörten Einrichtungen, von denen aus der IS seine Offensiven im Irak geplant oder unterstützt haben soll. Syrien selbst ist, mangels Partnern „am Boden“, noch nicht an der Reihe. Anders als im Irak setzen die Amerikaner dort nicht einmal Kampfhubschrauber ein. Die könnten viel besser agile Dschihadisten verfolgen. Aber sie könnten auch abgeschossen werden.

          Konsequent bleiben die Amerikaner bei der Sprachregelung, die Terrormiliz solle „geschwächt und letztendlich zerstört“ werden. Obama zieht den Vergleich zum zähen Kampf gegen Al Qaida in Pakistan, im Jemen und in Somalia. Das soll keine Beruhigungspille fürs Volk sein, sondern ist ernst gemeint.

          Obama will kein zweiter Bush werden

          Der Präsident wirkt, als habe es ihn selbst überrascht, wie sehr die Enthauptungsvideos des IS den Appetit vieler kriegsmüder Amerikaner auf einen großen militärischen Schlag angeregt haben. Doch der kühle Analytiker im Weißen Haus wird sich von keiner Nachrichten-Dynamik anstecken und bewegen lassen, doch Bodentruppen in den Krieg zu schicken.

          Er ist entschlossen, sich von niemandem tiefer in den Konflikt hineinziehen zu lassen – nicht von republikanischen Falken, nicht von den Türken und erst recht nicht vom „Islamischen Staat“, dem bei vielen Sunniten nichts mehr Legitimität verschüfe als tägliche Gefechte gegen amerikanische „Besatzer“. Obama rechnet nicht damit, dass er einen Sieg über den „Islamischen Staat“ verkünden kann, bevor er im Januar 2017 das Weiße Haus verlässt. Zu seinem Vermächtnis soll aber zählen, dass er George W. Bushs Fehler vermieden hat.

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