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Kampf gegen den „Islamischen Staat“ : Das Kalkül des Präsidenten

Erdogan nimmt sich ein Beispiel an Obama

Obama weiß, dass der Erfolg nicht sicher ist. Ein Scheitern scheint unausweichlich, sollte es den Amerikanern nicht gelingen, ihre wacklige Koalition zu festigen. Für die meisten Partner in der Region ist die Zerstörung des „Islamischen Staats“ zwar wichtig, aber nicht so wichtig wie Assads Sturz. Während die Golf-Monarchien dennoch fürs Erste an Bord sind, stellt die Türkei Forderungen. Washington ärgert sich darüber, dass Ankara dem Bündnis gegen den IS selbst dann nicht beitrat, als die knapp 50 türkischen IS-Geiseln heimgekehrt waren.

Doch letztlich bedient sich Präsident Erdogan nur Obamas Taktik. Monatelang hatte der amerikanische Präsident dem IS-Vormarsch fast tatenlos zugesehen, um den irakischen Ministerpräsidenten Maliki gefügig zu machen. Dabei hat Washington zwar die Gefahr unterschätzt, die von den Dschihadisten ausging. Aber der Plan ging insofern auf, als Iran den Schiiten Maliki aus Angst vor dem IS fallenließ. So konnten im Irak wenigstens rudimentäre Bedingungen für einen politischen Neuanfang geschaffen werden. Nun sind es die Türken, die sich bitten lassen, den Dschihadisten buchstäblich ihre Grenzen aufzuzeigen. So will Erdogan Obama einen Einsatz gegen Assad abpressen.

Die Vereinigten Staaten brauchen die Türkei als Partner

Washington weiß: Ohne die Türkei geht es nicht. Deshalb bleiben die Amerikaner öffentlich zahm. Vizepräsident Joe Biden hat sich brav bei Erdogan dafür entschuldigt, dass er die Wahrheit ausgesprochen hatte – dass nämlich auch Ankara militante Islamisten aufgepäppelt hat. Eine weitere Geste an die Türkei ist es, dass die Amerikaner in ihren Verlautbarungen inzwischen sagen, dass die zunächst rund 5000 Kämpfer der „moderaten“ syrischen Regimegegner, die vom nächsten Jahr an in Saudi-Arabien für den Einsatz gegen die Dschihadisten ausgebildet werden sollen, „gegen den IS und das Assad-Regime kämpfen“.

Kurden-Hochburg : IS-Miliz soll 40 Prozent von Kobane kontrollieren

Noch vor kurzem hatten amerikanische Diplomaten herumgedruckst und den Rebellen allenfalls zugebilligt, dass sie „natürlich ihr Leben verteidigen müssen, wenn sie vom Assad-Regime angegriffen werden“. Zähneknirschend beschäftigen sich amerikanische Diplomaten und Militärs auch mit Erdogans alter Forderung, eine Flugverbotszone in Nordsyrien einzurichten. Doch gesucht wird wohl eher nach einem gesichtswahrenden Ausweg für Erdogan als nach einer neuen Militärstrategie, die zunächst Angriffe auf die Luftabwehr des Assad-Regimes vorsehen müsste und Amerika in die Kämpfe rund um Aleppo hineinzöge.

Massaker in der Nachbarschaft – ein Problem der Türken

In Washington lästern manche über Obamas „Koalition der Merkwürdigen“. Statt einer kampfentschlossenen „Koalition der Willigen“, wie sie George W. Bush ohne Rücksicht auf diplomatische Verluste für den Einmarsch im Irak geschmiedet hatte, bringe Obama eine geradezu groteske Ansammlung sunnitischer Despoten, kurdischer Terroristen und westlicher Mächte zusammen, auf deren Seite auch noch Iran, das Assad-Regime und allerlei Islamisten stünden.

Zu den schönen Reden des frühen Obama passt es tatsächlich kaum, wenn er heute von wahhabitischen Religionsgelehrten klare Worte gegen den IS verlangt, kurdische Separatisten mit Waffen versorgt und zugleich die Iraner auf Abstand hält, weil ihm sonst Saudis und Emiratis von der Fahne gingen. Doch lieber lässt sich der Präsident auf die Widersprüche des Mittleren Ostens ein, als das ganze Elend der Region zu Amerikas Problem zu erklären. Seine Botschaft an die Türken ist klar: Wenn sie keine Massaker in ihrer Nachbarschaft dulden wollen, dann sollen sie etwas dagegen tun.

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