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Obama in Malaysia : „Flüchtlinge sind das Gegenteil des Terrors“

Obama in der malaysischen Stiftung „Dignity for Children“, die sich unter anderem um Kinder kümmert, deren Eltern aus Burma geflohen sind, weil sie der dort verfolgten muslimischen Minderheit der Rohingya angehören. Bild: Reuters

Viele Amerikaner wollen ihr Land gegen Flüchtlinge aus Syrien abschotten. In Malaysia setzt Präsident Obama nun mit dem Besuch eines Flüchtlingszentrums ein Zeichen.

          3 Min.

          Während in seiner Heimat der Widerstand sogar gegen die Aufnahme einer kleinen Zahl von Flüchtlingen aus Syrien wächst, hat Barack Obama im fernen Malaysia ein Zeichen für die humanitäre Unterstützung von Migranten gesetzt. In Kuala Lumpur besuchte der amerikanische Präsident am Samstag ein Hilfszentrum für die Kinder aus Flüchtlingsfamilien. Diese Kinder brauchten genau so viel Liebe und Schutz „wie unsere“, sagte der Präsident.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Er wies eine Verbindung von Terrorismus zu der Flüchtlingsfrage zurück. Die Flüchtlinge seien „das Gegenteil des Terrors und der verabscheuungswürdigen Gewalt, die wir in Paris und Mali gesehen haben“, sagte Obama nach Angaben von Regierungsmitarbeitern in Kuala Lumpur. Amerika habe gezeigt, dass es möglich sei, Flüchtlinge willkommen zu heißen und die Sicherheit zu garantieren. Dies sei kein Widerspruch. Nach Angaben des Weißen Hauses wollte der Präsident mit dem Besuch zeigen, dass es sich bei der Flüchtlingsfrage um eine „globale Herausforderung“ handele.

          Besuch in einer Kindereinrichtung

          Der Präsident besuchte eine Einrichtung der malaysischen Stiftung „Dignity for Children“. Sie kümmert sich unter anderem um Kinder, deren Eltern aus Burma geflohen sind, weil sie der dort verfolgten muslimischen Minderheit der Rohingya angehören. Es handelt sich offenbar um eine gut geführte Modellanstalt. Der Präsident kniete sich nieder und plauderte mit einigen der Kinder im Grundschulalter. Dann sprach er noch mit Jugendlichen, die offenbar in Amerika Asyl bekommen sollen. Eine junge Frau umarmte den mächtigen Staatslenker zum Dank.

          Obamas Besuch war natürlich auch ein Zeichen, das der Präsident inmitten der Debatte in Amerika ganz bewusst setzen wollte. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump hatte etwa Obamas Plan, innerhalb eines Jahres zehntausend Syrer aufzunehmen, als „reinen Selbstmord“ bezeichnet. Die Bilder aus dem malaysischen Flüchtlingszentrum waren jedoch nicht allein für die politische Heimatfront gedacht.

          Treffen des Staatenbundes Asean

          In Kuala Lumpur treffen sich an diesem Wochenende die zehn Mitglieder des Staatenbundes Asean und die regelmäßigen Teilnehmer des Ostasiengipfels, darunter China und die Vereinigten Staaten. Auch in ihrer Region ist das Flüchtlings-Thema aktuell. Im Frühsommer hatten vor den Küsten Burmas, Thailands, Indonesiens und Malaysias Tausende Rohingyas und Bangladeschis auf Booten festgesessen, weil zunächst keines der Länder bereit erklärt hatte, sie aufzunehmen.

          Flüchtlingsorganisationen rechnen damit, dass sich nach dem Ende der stürmischen Jahreszeit wieder viele von ihnen auf den Weg machen werden. Obama hatte das Schicksal der Rohingya schon kurz nach seiner Ankunft in Kuala Lumpur angesprochen. Bei einem Treffen mit jungen Menschen aus Südostasien hatte er erklärt, dass die Ausgrenzung der Rohingya, die teilweise seit Generationen dort lebten, ein großes Problem auf dem Entwicklungsweg Burma sein könnte. Mit der Flucht aus Burma beginnt für viele aber nur eine weitere Leidensphase, die nicht selten ebenso traumatisch verläuft.

          So hatte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ im Juni bei Recherchen zu dem Thema in Kuala Lumpur eine 23 Jahre alte Rohingya-Frau interviewt, die während der Flucht mehrfach von ihren Schleppern vergewaltigt worden war. Mit 300 Menschen hatte Rashida Mohammad viele Tage und Nächte dicht gedrängt auf dem Boot verbracht. „Ich wusste nicht, ob ich leben oder sterben würde. Ich vertraute einfach nur Gott“, berichtete sie damals. Danach hatte die junge Frau Wochen in einem Lager an der thailändischen Grenze leben müssen.

          Dort passierte ihren Angaben nach auch der sexuelle Missbrauch. Erst später kam sie nach Kuala Lumpur, wo sie nun in einem Vorort mit ihren zwei Kindern in einem kleinen Zimmer wohnt. Es liegt in einem Wohnblock, in dem einige der bis zu 140.000 Rohingyas untergekommen sind, die aus Burma nach Malaysia geflohen sein sollen. Um zu überleben, bettelte die junge Frau auf einer Fußgängerbrücke die Passanten an. 

          Malaysia als bevorzugtes Zielland

          Für die meisten Rohingyas ist das überwiegend muslimische Malaysia trotz ihrer überwiegend schwierigen Situation aber das bevorzugte Zielland in Südostasien. Für manche gibt es Arbeit auf Baustellen, in Fabriken und auf Plantagen. Doch viele Flüchtlinge werden illegal beschäftigt und sind deshalb in besonderer Weise Ausbeutung und Misshandlung ausgesetzt. Gleichwohl hat das amerikanische Außenministerium in seinem jährlichen Bericht über Maßnahmen gegen den Menschenhandel Malaysias Status in eine bessere Kategorie hochgestuft.

          Kritiker vermuten, dass dies lediglich geschah, damit das Land Unterzeichner des Handelsabkommen Transpazifische Partnerschaft (TPP) werden konnte. Das Abkommen ist das wirtschaftspolitische Kernstück von Obamas „Schwerpunkverlagerung“ nach Asien, mit der Amerika auf den Machtzuwachs Chinas reagiert.

          Weiterer Grund für Obamas Besuch

          So hatte das Weiße Haus den Besuch im Flüchtlingszentrum wohl auch noch mit einem anderen Hintergedanken geplant. Es wollte zeigen, dass der politische Partner Malaysia etwas für die Flüchtlinge tut. Die dunkle Seite des Problems in Südostasien hat Obama am Samstag denn auch nicht zu Gesicht bekommen, nur das offenbar vergleichsweise gut geführte Flüchtlingszentrum.

          Am Samstag unterschrieben die Asean-Staaten eine eigene „Konvention“ gegen den Menschenhandel. Es wäre jedoch naiv anzunehmen, dass sich die Situation der Flüchtlinge dadurch schnell ändern wird. Der Asean-Verbund ist geübt darin, wässrige Appelle zu unterschreiben und leere Ankündigungen zu machen, insbesondere wenn es um Menschenrechte geht.

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