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Obama in Kairo : Wohltuende Worte, vage Forderungen

Obama hielt seine Rede an der traditionsreichen säkularen Universität Kairos Bild: AFP

Obama warb in seiner Rede für einen Neuanfang der Beziehungen zwischen Amerika und der muslimischen Welt. Es gelang ihm, die Zuhörer für sich zu gewinnen, indem er arabisch sprach oder aus dem Koran zitierte. Die Forderungen an Israel blieben jedoch unpräzise.

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          Die T-Shirts gibt es bisher nur in wenigen Läden. „Obama - der neue Tutenchamun der Welt“ lautet ihre Aufschrift. Aber im Basar „Khan al Khalili“ sind weiterhin mehr Hemden mit Kamelen oder ägyptischen Hieroglyphen im Angebot. Die Händler in der Altstadt von Kairo sind noch dabei herauszufinden, ob der Besucher aus Amerika beliebt genug ist, damit sich mit ihm Geld verdienen lässt. Die meisten Einwohner der Millionenstadt verschaffen sich dagegen am Donnerstag selbst einen Eindruck, ob der neue amerikanische Präsident wirklich die Qualitäten eines Pharaos besitzt.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Kurz nach 13 Uhr tritt Obama ans Rednerpult vor dem roten Vorhang unter der Kuppel des Festsaals der Universität von Kairo. Nicht an der islamischen Al-Azhar-Universität, sondern an der traditionsreichen säkularen Lehranstalt, an der auch PLO-Chef Jassir Arafat, Saddam Hussein und der ägyptische Literaturnobelpreisträger Nagib Mahfus studierten, wendet er sich an die Muslime auf der ganzen Welt. Zumindest in Kairo kann er sich auf jeden Fall fast ungeteilter Aufmerksamkeit sicher sein: Die Einwohner haben viel Zeit, sich seinen Auftritt im Fernsehen anzusehen. Mehr als 10 000 ägyptische und amerikanische Polizisten, Soldaten und Geheimdienstagenten, die buchstäblich an jeder Straßenecke stehen, legen das Leben in der Stadt lahm. Die meisten Menschen bleiben deshalb zu Hause.

          „Aber wie er sie alle zufriedenstellen wird, weiß ich nicht“

          „Arabische Medien stellten Obama seit Wochen dar, als wäre er der neue Messias. Das ist gefährlich“, sagt Hala Mustafa über die großen Erwartungen, mit denen sich der amerikanische Präsident nicht nur in Ägypten, sondern auch anderswo in der islamischen Welt konfrontiert sieht. Die Politikwissenschaftlerin, die in Kairo die Zeitschrift „Demokratie“ herausgibt, gehört zu den gut 3000 geladenen Gästen, die in dem historischen Saal der Universität von Kairo Obama selbst zuhören dürfen.

          Auch in Israel wurde Obamas Rede mit Spannung verfolgt

          Schon ein Blick in den Zuschauerraum illustriert, welcher Balanceakt dem amerikanischen Präsidenten in der brütend heißen ägyptischen Metropole gelingen muss: Auf den Ehrenplätzen fehlt sein Gastgeber, der ägyptische Präsident Mubarak. Der hatte ihn zuvor mit allen Ehren im Qubaa-Palast empfangen, kam aber nicht mit an die Universität. Denn unter den Zuhörern sind auch Oppositionelle, Mitglieder von Menschenrechtsorganisationen und einige moderate Islamisten. Zu ihnen sollte auch der Oppositionspolitiker Aiman Nur gehören, der erst vor kurzem aus dem Gefängnis freigekommen ist und vielleicht selbst bei der nächsten Präsidentenwahl antreten will.

          Aus dem Koran zitiert

          Die amerikanische Botschaft hatte Wert darauf gelegt, dass auch Ägypter wie Aiman Nur dabei sind. In Kairo wurde darüber spekuliert, dass Mubarak nicht in ihrer Nähe Platz nehmen wollte. Der Präsident der einer der engsten Verbündeten Amerikas ist, will seine Treue gewürdigt sehen. Die Kritiker Mubaraks möchten, dass Obama seinem Bekenntnis zu Demokratie und Menschenrechten Taten folgen lässt. „Es war eine exzellente intellektuelle Rede. Er versuchte, auf alle einzugehen. Aber wie er sie alle zufriedenstellen wird, weiß ich nicht“, fragt sich Hala Mustafa.

          Obama macht gleich zu Beginn seiner Ansprache keinen Hehl daraus, dass ihm diese Gefahr bewusst ist, und dämpft allzu große Hoffnungen. „Keine einzelne Rede kann Jahre des Misstrauens auslöschen“, sagt er warnend. Um neues Vertrauen wirbt er immer dann am erfolgreichsten, wenn er ausspricht, was seinem muslimischen Publikum gefallen muss: Den meisten Applaus bekommt Obama, als er seine Zuhörer - wenn auch etwas unbeholfen - mit den arabischen Worten „as-Salamu alaikum“ begrüßt, Errungenschaften islamischer Kultur lobt oder aus dem Koran zitiert.

          Obama ist auch selbstkritisch

          Geschickt nimmt Obama dabei immer wieder Bezug auf seine eigene Lebensgeschichte. Er erzählt vom muslimischen Gebetsruf, den er während seiner Kindheit in Indonesien gehört hat, und übergeht auch seinen zweiten Vornamen - Hussein - nicht. Schon dessen Erwähnung bringt ihm neuen Beifall ein. Dass ein Afro-Amerikaner wie er, dessen kenianische Vorfahren seit Generationen Muslime seien, in Amerika sogar Präsident werden könne, sei dort nichts völlig Außergewöhnliches. Schließlich lebten sieben Millionen Muslime in den Vereinigten Staaten, die überdurchschnittlich gebildet seien und besser verdienten als viele anderen, sagt er. „Der Islam ist ein Teil Amerikas“, stellt er klar - und schlägt damit den Bogen zu seinem Appell, künftig nicht mehr das Trennende, sondern die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund zu stellen.

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