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Obama in Brüssel : Endlich wieder engste Partner

Gemeinsam stark: Obama, Van Rompuy (links) und Barroso Bild: dpa

Barack Obama trifft in Brüssel die Spitzen der EU. Die Partner, die sich in der NSA-Affäre entzweit hatten, erneuern die transatlantische Freundschaft.

          Das westflämische Waregem sorgt nur selten für Schlagzeilen. Allenfalls der örtliche Fußballklub macht als Favoritenschreck der ersten belgischen Liga häufiger von sich reden. Dass sich in dem rund 35000 Einwohner zählenden Provinzstädtchen Belgiens einziger Soldatenfriedhof für amerikanische Gefallene im Ersten Weltkrieg befindet, war den meisten Flamen und Wallonen bisher unbekannt. Gebannt verfolgen daher viele Belgier am Vormittag den Besuch des amerikanischen Präsidenten Barack Obama auf dem „Flanders Field American Cemetery and Memorial“ am Fernseher – auch viele Anwohner des Geländes, die aus Sicherheitsgründen am Mittwoch nicht vor die eigene Haustür treten dürfen.

          Nikolas Busse

          Verantwortlicher Redakteur für die Frankfurter Allgemeine Woche und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik (F.A.Z.).

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Zum ersten Mal seit Obama am Montag in Holland europäischen Boden betreten hat, wird die Zeitplanung nicht genau eingehalten. Kurz zuvor ist er, aus Brüssel kommend, in der Nähe einem Hubschrauber entstiegen. Länger als geplant spricht er hinter verschlossenen Pforten mit dem belgischen König Philippe und Premierminister Elio Di Rupo. Dann treten sie ins Freie und schreiten, alle drei mit ernster Miene, an den Gräberreihen mit den weißen Kreuzen vorbei und auf das hohe Mahnmal zu. Der frisch gemähte Rasen leuchtet in der Frühlingssonne. Eine Angehörige der amerikanischen Luftwaffe singt, ohne instrumentale Begleitung, die Nationalhymnen Belgiens und der Vereinigten Staaten.

          Nun herrscht für einen Augenblick vollkommene Stille. Es ist einer jene Momente des Innehaltens, die Besucher Flanderns vom britischen Soldatenfriedhof Tyne Cot oder aus Langemarck kennen, wo mehr als 44.000 tote Deutsche liegen. Ein Jahrhundert nach Beginn des Ersten Weltkriegs soll auch von Waregem, wo 368 amerikanische Soldaten begraben sind, die Botschaft ausgehen: „Nie wieder Krieg“. Nacheinander legen der König, Di Rupo und Obama Blumenkränze nieder.

          König Philippe, dessen Urgroßvater König Albert vor einem Jahrhundert die belgischen Truppen gegen die deutschen Angreifer angeführt hat, ergreift als erster das Wort. Er erinnert an den Horror in den Schützengräben, den erstmaligen Einsatz von Giftgas im Krieg, die unzähligen Toten auf den flämischen Schlachtfeldern und darüber hinaus. Über aktuelle Konfliktherde wie Syrien oder die Krim-Krise verliert er kein Wort – dafür über die Lehren aus den Kriegen. „Visionären Menschen haben wir es zu verdanken, dass wir den Weg der europäischen Einigung eingeschlagen haben“, sagt das Staatsoberhaupt. Nach Regierungschef Di Rupo ist als letzter Präsident Obama an der Reihe. Er beginnt mit einem Lob für das „tapfere kleine Belgien“ und dem Hinweis, dass dies einer von mehr als hundert Soldatenfriedhöfen in jenem Landstrich sei. Die Opfer hätten für vielfältige Traditionen gestanden und verschiedene Sprachen gesprochen – aber eines habe sie verbunden: „der Wille dazu, für die Freiheit zu kämpfen und zu sterben, die wir als ihre Erben genießen“. Obama zitiert ein paar Verse aus dem 1915 unweit Waregems entstandenen und berühmten Gedicht „Auf Flanderns Feldern“ des kanadischen Stabsarztes John McCrae: „Brecht Ihr den Bund mit uns, die wir sterben, so werden wir nicht schlafen, obgleich Mohn wächst auf Flanderns Feldern.“ Fast hundert Jahre später sagt der Präsident: „Allen, die hier schlafen, können wir sagen, wir habe die Fackel aufgenommen, wir haben Treue gehalten.“ Nur sechs Minuten dauert seine Ansprache. Noch eine kurze Pause am Grab eines Soldaten. Dann tritt Obama die Rückreise nach Brüssel an.

          Den NSA-Skandal nur ganz kurz erwähnt

          Anders als in Den Haag, das zu Beginn der Woche einer Geisterstadt glich, kommt das Leben in der chaotischen belgischen Hauptstadt durch seinen Besuch nicht völlig zum Erliegen. Die belgische Polizei hat durch die EU viel Erfahrung mit Hochsicherheitsgipfeln, deshalb fließt selbst durch das Europaviertel noch der Verkehr. Das Justus-Lipsius-Gebäude, in dem Obama Ratspräsident Herman Van Rompuy und Kommissionspräsident José Manuel Barroso trifft, wird allerdings strikt abgeriegelt. Zur Pressekonferenz wird sogar das Eingangstor verschlossen.

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