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Obama in Afghanistan : Zwischen den Tagen

  • -Aktualisiert am

Informeller Wahlkampfauftakt: Obama am Dienstag in Bagram Bild: dpa

Obama verspricht in Kabul dem kriegsmüden Amerika, er sehe schon das Ende des Krieges nahen. Am neuen Morgen lassen die Taliban Bomben sprechen.

          3 Min.

          Ein Flugzeugträger wie einst bei George W. Bush war es nicht. Aber Kriegsgerät war auch in Kabul die Kulisse vor der Präsident Barack Obama seine Rede an das amerikanische Volk hielt. Bei Bush, der seine verfrühte Irak-Siegesrede auf dem vom Kriegseinsatz heimkehrenden Träger „USS Abraham Lincoln“ vom 1. Mai 2003 oft bereut hat, waren im Hintergrund die mächtige Kommandobrücke mit dem Banner „Auftrag erfüllt“ zu sehen, auf dem Flugdeck waren Jagdbomber aufgereiht. Bei Obama waren es Radpanzer in Wüstentarnfarbe mit einer amerikanischen Flagge.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Es ist schierer Zufall, dass auch Obamas Rede auf den 1. Mai fiel. Der Präsident wollte sich zur besten amerikanischen Sendezeit am frühen Abend an das Volk wenden. In Kabul war da schon der Morgen des 2. Mai angebrochen - des Jahrestags der erfolgreichen Kommandoaktion gegen Usama Bin Ladin, der 2011 in seinem Versteck in der pakistanischen Garnisonsstadt Abbottabad von einer Spezialeinheit der amerikanischen Kriegsmarine erschossen worden war.

          Zum Zeitpunkt der Ankunft Obamas, dessen Reise nach Afghanistan aus Sicherheitsgründen wie üblich streng geheim gehalten worden war, war es in Kabul längst nach Mitternacht. Der afghanische Präsident Hamid Karzai musste lange wach bleiben, um mit Obama das vor knapp zwei Wochen vereinbarte Abkommen zur strategischen Partnerschaft zu unterzeichnen. Obama sagte nach der kurzen und geschäftsmäßigen Zeremonie in Karzais Präsidentenpalast, der Vertrag lege die Grundlage für die amerikanisch-afghanischen Beziehungen für die Zeit nach dem Abzug der internationalen Schutztruppe im Jahr 2014. Die Kosten des Krieges seien hoch gewesen, der Vertrag ebne nun den Weg für eine friedliche Zukunft, sagte Obama. „Wir werden weder ständige Stützpunkte in diesem Land haben, noch werden wir in den Städten und auf den Bergen patrouillieren. Das wird die Aufgabe des afghanischen Volkes sein.“

          Karzai erwiderte, das Abkommen begründe eine „gleichwertige Partnerschaft“ zwischen beiden Ländern. Wie viele amerikanische Soldaten und Militärberater nach dem Abzug der Kampftruppen in Afghanistan bleiben sollen, legt der Vertrag nicht fest. Es wird auch keine feste Dollarsumme genannt, mit der Kabul über das Jahr 2014 hinaus bei der Besoldung und Ausrüstung seiner Sicherheitskräfte geholfen werden soll.

          „Der Krieg ist in seiner letzten Phase“

          In seiner knapp 15 Minuten langen Rede an das amerikanische Volk vom Luftwaffenstützpunkt Bagram nördlich von Kabul aus versprach der Präsident, nach verlustreichen Jahren sei der Krieg in seine letzte Phase eingetreten. Das Ziel, das Terrornetz Al Qaida zu besiegen, sei in greifbarer Nähe. „Wir haben die Führung von Al Qaida niedergeschmettert“, sagte Obama in seiner direkt übertragenen Ansprache: „Wir können das Licht eines neuen Tages am Horizont sehen.“ Mit Blick auf den Nato-Gipfel in Chicago Ende Mai sagte Obama: „Unsere Allianz wird sich in Chicago das Ziel setzen, dass die afghanischen Kräfte im kommenden Jahr die Führung bei Kampfeinsätzen überall im Land übernehmen.“ Internationale Truppen würden die Afghanen weiter „trainieren, beraten und unterstützen und an ihrer Seite kämpfen, wenn es sein muss“, sagte der Präsident, aber „unsere Truppen werden heimkehren“. Wie von der Allianz vorgesehen, würden die Afghanen „bis Ende 2014 voll verantwortlich für die Sicherheit ihres Landes sein“.

          Die Reise nach Afghanistan - die dritte seit Obamas Amtsantritt vom Januar 2009 - war so etwas wie der informelle Auftakt zum Wahlkampf des Präsidenten für seine Wiederwahl am 6. November. Wie schon beim Abzug aller Kampftruppen aus dem Irak Ende 2011 rief Obama das im Wahlkampf 2008 gegebene Versprechen in Erinnerung, die von seinem Vorgänger George W. Bush begonnenen Kriege zu beenden. „Wir haben Jahrzehnt unter der dunklen Wolke des Kriegs durchlebt“, sagte Obama: „Diese Zeit des Kriegs begann in Afghanistan, und hier wird sie auch enden.“ Diese Botschaft Obamas an eine kriegsmüde Nation daheim stand freilich im Widerspruch zum Versprechen Obamas an eine nicht minder kriegsmüde afghanische Nation, wonach Amerika Afghanistan nicht im Stich lassen und „den Job zu Ende bringen“ werde.

          Kaum war der Präsident wieder ins ferne Amerika abgereist, wurden in Kabul mindestens elf Menschen bei einem Selbstmordanschlag getötet, zu dem sich die Taliban bekannten. Mit der Tat habe man gezeigt, dass Obama in Afghanistan „nicht willkommen“ sei, sagte Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid: „Afghanen erdulden keine Besatzer, und sie müssen dieses Land verlassen.“ Zu diesem Zeitpunkt war Obama schon irgendwo im Luftraum zwischen Asien und Amerika unterwegs.

          Keine gute Zeit für den Herausforderer

          Mitt Romney besuchte am späten Dienstagabend gemeinsam mit dem früheren New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani eine Feuerwache in Manhattan, die bei den von Bin Ladin befohlenen Terrorangriffen vom 11. September 2001 elf Mann verloren hatte. Der designierte Präsidentschaftskandidat der Republikaner pries nach dem privaten Treffen mit den Feuerwehrleuten deren heldenhaften Einsatz an „9/11“ und beklagte sich abermals über die „unangemessene Politisierung“ der Tötung Bin Ladins durch Präsident Obama und dessen Wahlkampfstab.

          Zu diesem Zeitpunkt war Obama schon auf dem Weg nach Kabul, um dort den Jahrestag der Kommandoaktion gegen den Chef des Terrornetzes Al Qaida zu begehen. Mit einer von allen Fernsehsendern pünktlich zum Abendbrot übertragenen „Rede an die Nation“ von einem Kriegsschauplatz aus kann ein Besuch bei einer Feuerwache in New York natürlich nicht mithalten. In der politischen Materialschlacht darum, wer sich in einem Wahljahr als der bessere nationale Führer und Oberbefehlshaber der Streitkräfte darstellen kann, sieht sich Romney plötzlich im Hintertreffen: Dem Präsidentenflugzeug „Air Force One“ und jubelnden Soldaten in Übersee kann kein Herausforderer etwas entgegensetzen.

          Romney erlitt zudem eine weitere Schwächung: Sein erst vor zwei Wochen ernannter Sprecher für Nationale Sicherheit, Richard Grenell, erklärte am Mittwoch seinen Rücktritt. Offiziell hieß es, Grenell habe sich im Kurznachrichtendienst „Twitter“ zu abschätzig über den einstigen republikanischen Präsidentschaftskandidaten Newt Gingrich und dessen dritte Ehefrau Calista geäußert. Zudem sei nichts von Grenell zur Verteidigung seines Chefs zu hören gewesen, als Obama Romney faktisch als außen- und sicherheitspolitisches Leichtgewicht hingestellt habe. In Washington heißt es aber, der offen homosexuelle Grenell sei nicht mehr zu halten gewesen, weil rechtskonservative Gruppen sich ablehnend zu seiner Ernennung durch den republikanischen Präsidentschaftskandidaten geäußert hätten. (Matthias Rüb)

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