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Obama bei Papst Franziskus : Samen aus dem Garten des Weißen Hauses

  • -Aktualisiert am

Große Freude: Obama nimmt das päpstliche Rundschreiben „Evangelii Gaudium“ entgegen Bild: dpa

Eine halbe Stunde war für das Gespräch zwischen dem amerikanischen Präsidenten und dem Papst vorgesehen. Es dauerte deutlich länger. Man habe ernste Themen besprochen, hieß es.

          Genau 51 Minuten dauerte die erste Audienz von Papst Franziskus für den amerikanischen Präsidenten Barack Obama. Deutlich länger als die nach dem Protokoll für Staatsgäste vorgesehenen 30 Minuten. Es habe sich um „ein joviales und herzliches Gespräch“ gehandelt, hieß es danach; doch sei es um ernste Themen gegangen. Es war erwartet worden, dass beide über soziale Gerechtigkeit, den Kampf gegen Armut und Ausgrenzung sowie Krisen wie in der Ukraine, in Syrien und Zentralafrika sprechen würden.

          Zum Abschluss überreichte der Papst dem Präsidenten nicht nur die üblichen Medaillen seines Pontifikats, sondern auch sein erstes Apostolisches Schreiben „Evangelii Gaudium“ zur Freude am Evangelium und zur Mission der Kirche unter den Armen.

          „Wenn ich wieder einmal frustriert bin“

          Obama soll freudig gesagt haben, das werde er im „Oval Office“ lesen, „wenn ich einmal wieder frustriert bin und Kraft brauche“. Der Papst erhielt als Gegengeschenk Samen für Früchte und Gemüse aus dem Garten des Weißen Hauses, um sie auf dem Bauernhof im Park der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo aussäen zu lassen. Die Ernte werde den Armen zugute kommen, sagte Franziskus. Auf den Hinweis des Präsidenten, er könne sich diesen Garten im Weißen Haus in Washington ansehen kommen, antwortete der Papst nur mit der italienischen Bemerkung: „Warum nicht?“

          Nach dem Treffen mit dem Papst traf Obama Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, zum Mittag dann Italiens Staatspräsidenten Giorgio Napolitano; anschließend Italiens neuen Regierungschef Matteo Renzi. Der Nachmittag gilt einem privaten Besuch des Kolosseums. Am Freitag fliegt Obama weiter nach Saudi-Arabien.

          In den Tagen vor dem Treffen hatte Radio Vatikan unter der Fragestellung „Gefällt Obamas Politik dem Heiligen Stuhl?“ festgestellt, dass es bei der Homo-Ehe, Empfängnisverhütung oder Abtreibung Differenzen zwischen dem Papst und Obama gebe. Auch der Präsident war sich laut seines Gespräches mit dem „Corriere della Sera“, das zum Tag des Treffens erschien, bewusst, dass er und der Papst nicht, „in jeder Frage einer Meinung sind“. Andererseits ist in der zweiten Sektion des Staatssekretariats, also im päpstlichen „Außenministerium“, zu hören, dass der Papst auch nicht alle Meinungen im konservativen Klerus der Vereinigten Staaten teilt. Franziskus habe ein Ohr für „linke Strömungen“ in der amerikanischen Kirche, wie sie zum Beispiel von der Nationalen Koalition der amerikanischen Nonnen vertreten würden. Abseits von den Kardinälen, die derzeit die Kurienreform vorantreiben, steht so in Rom der amerikanische Kurienkardinal und Präfekt der Apostolischen Signatur Raymund Leo Burke, der Obama für einen „völlig säkularisierten Mann“ hält, „der auf aggressive Weise eine Politik gegen die Familie betreibt“ und die Religionsfreiheit in Amerika beeinträchtigen wolle. Das stimme so gewiss nicht, heißt es in der zweiten Sektion.

          „Menschen vom Rande ihrer Welt“

          Dort wird freilich auch gesagt, der Papst werde sich nicht von der inneramerikanischen Debatte vereinnahmen lassen. Auch wenn es  mit Obama Meinungsunterschiede in familienethischen Fragen gebe, die in den nächsten zwei Jahren intensiv bei zwei Synoden behandelt werden würden, stehe Franziskus stets auf der Seite derjenigen, die - wie zum Beispiel Obama - den Armen einen Zugang zu sozialen Leistungen wie einer guten Krankenversicherung sichern wollen. Franziskus trete zudem für eine Entpolitisierung des Klerus`  ein, so wie er sie jetzt in der italienischen Bischofskonferenz durchzusetzen suche. Bischöfe müssten dienen und dürften nicht an den Tischen der Reichen verharren, heißt es im vatikanischen „Außenministerium“. So unterstütze der Papst diejenigen im amerikanischen Klerus, die am 1. April in der Wüste von Arizona einen Gottesdienst am Zaun zur Grenze nach Mexiko feiern wollen. Seit 1998 waren dort etwa 6000 Migranten ums Leben gekommen, sagt die Flüchtlingshilfsorganisation Jesuit Refugee Service. Die Wüste sei „das Lampedusa der Vereinigten Staaten“, wird in Rom der Vorsitzende des bischöflichen Komitees für Migration Weihbischof Eusebio Elizondo zitiert, der damit an den Besuch des Papstes auf der süditalienischen Insel erinnerte, wo Franziskus im Juli 2013 die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ anprangerte.

          Vor dem Treffen hatte Obama den Papst im Gespräch mit dem „Corriere della Sera“ gewürdigt. Der Heilige Vater habe die Menschen überall auf der Welt mit seiner „Botschaft der Liebe und des Mitgefühls vor allem für die unter uns inspiriert die ärmer und verwundbarer sind“. Er seinerseits wolle dem Papst erklären, wie er in den Vereinigten Staaten neue Arbeitsplätze schaffen wolle, die Löhne und Einkommen anheben und vor allem den Familien helfen wolle voranzukommen. Er sei bereit für eine Welt der Globalisierung und Entwicklung beim internationalen Handel. Der Papst mahne dazu, über die soziale Gerechtigkeit und die Menschenwürde nachzudenken, sagte Obama; das berühre ihn. Er teile dessen Äußerungen zu den ökonomischen und sozialen Herausforderungen in einer Welt der Ungleichheit, wo „das Leben der Armen von den Entscheidungen abhängt, die wir Politiker fällen“.

          Obama war am 10. Juli 2009 erstmals im Vatikan gewesen und von Benedikt XVI. empfangen worden. Zu Franziskus’ Amtseinführung vor gut einem Jahr war Obama nicht nach Rom gekommen sondern ließ sich von Vizepräsident Joe Biden vertreten. Das wurde als Hinweis auf eine persönliche Distanz gedeutet. In der Zwischenzeit soll Außenminister John Kerry, ein bekennender Katholik, der nun mit zur Delegation gehörte, diese anfänglich bestehende „Fremdheit“ zwischen Südamerikaner und Nordamerikaner ausgeglichen haben. Beide, der Schwarze und der Bischof der Armen, sähen sich nun als „Menschen vom Rande ihrer Welt.“

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