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Die ausgebrannte Notre-Dame : Frankreichs Nullpunkt

Menschen beten in der Nähe der brandversehrten Notre-Dame. Bild: Reuters

In Frankreich wird die brandversehrte Kathedrale Notre-Dame-de-Paris zum Sammlungsort einer zerrissenen Nation. Aber es ist fraglich, wie lange die Eintracht hält.

          Die Feuersbrunst vom 15. April 2019 in Paris wird in die Geschichtsbücher eingehen. Der Brand hat das Wahrzeichen eines zerrissenen, zerstrittenen Landes getroffen. Seit vergangenen November hat die Gelbwesten-Bewegung mit ihren teils gewalttätigen Protesten die Staatsführung aus der Reserve gelockt. Ein nationaler Bürgerdialog offenbarte die Malaise vieler Franzosen, die über die Steuerlast klagen und zugleich hohe Erwartungen an die öffentliche Hand richten. Präsident Emmanuel Macron stand kurz davor, die Debatte mit einer Fernsehansprache wieder anzuheizen.

          In einer urplötzlichen Wendung der Geschichte hat die Brandkatastrophe kurz vor dem Osterfest Frankreich innehalten lassen. Kurzzeitig hat das Entsetzen über die lichterloh brennende Kathedrale jenen Zusammenhalt gestiftet, an dem es in den vergangenen Monaten so sehr mangelte. 114 Jahre nach der per Gesetz erzwungenen Trennung von Kirche und Staat hat sich das weitgehend säkularisierte Land zudem auf seine christlichen Wurzeln besonnen. „Ave Maria“ und die „Marseillaise“ erklangen im ungewohnten Wechselgesang. Schon nach der Terrorwelle des Jahres 2015 waren viele Kerzen entzündet worden. In der Brandnacht läuteten die Glocken. Zu den eindringlichsten Bildern aus Paris zählt eine Aufnahme des wie durch ein Wunder erhaltenen Altars mit dem Kreuz, das inmitten der Trümmer hervorragt. Die Politik kann da nur schweigen. Der Europawahlkampf ist vorübergehend unterbrochen, der teils hysterisch ausgetragene politische Streit rückt in den Hintergrund.

          Auf dem Vorplatz der Kathedrale liegt der „point zéro“

          Natürlich sind die verheerenden Schäden an der von der Unesco geschützten Weltkulturstätte nicht nur ein innerfranzösisches Ereignis. Die Kathedrale ist ein Touristenmagnet, der jedes Jahr zwischen zwölf und 14 Millionen Besucher anzieht. Die Romangestalt des Glöckners Quasimodo gehört längst zum universellen Gemeingut, mit dem der amerikanische Disney-Konzern viel Geld eingespielt hat.

          Dennoch hat es eine besondere französische Bewandtnis mit dem Gotteshaus, das auf der ältesten Binneninsel von Paris errichtet wurde. Notre-Dame bildete nicht nur im übertragene Sinne über Jahrhunderte das Zentrum Frankreichs. Auf dem Vorplatz der Kathedrale hebt sich bis heute im Pflaster ein vergoldeter Stern ab, der „point zéro“. Von diesem „Nullpunkt“ aus werden alle Entfernungen gemessen, so hat es ein königliches Dekret im Jahr 1739 bestimmt. Auch nach der Französischen Revolution blieb dies der Ausgangspunkt für das Landstraßennetz Notre-Dame.

          Die katholische Kirche bildete lange das Band, das die Franzosen zusammenhielt. Johanna von Orléans erschien, als der Zerfall Frankreichs drohte. Der Katholizismus stellte nicht nur eine Glaubenslehre dar, sondern vor allem eine Gemeinschaftsform, die den Zusammenhalt sicherte. Die Kathedrale ist seit dem 13. Jahrhundert die für alle identifizierbare Kulisse für das historische Wechselspiel. Die Krönung Napoleons zum Kaiser 1804 in Notre-Dame setzte den antiklerikalen Auswüchsen der Revolution ein Ende.

          Auch nach der 1905 beschlossenen Trennung von Kirche und Staat („Laizitätsgesetze“) blieb Notre-Dame ein Ort des Trostes und des Dankes. Aus Anlass der Befreiung von Paris im August 1944 läuteten die Glocken besonders lange, ebenso wie nach dem Waffenstillstand im November 1918. Nach den Terroranschlägen in Paris im November 2015 versammelten sich die Trauernden zur Andacht in der Kathedrale. In den kommenden Tagen wird der brandversehrte Bau wieder eine Sammlungsstätte der Nation sein.

          Aber es ist fraglich, wie lange die Eintracht hält. Die Säkularisierung in Frankreich ist weit fortgeschritten. Die Kirche hat ihre strukturierende gesellschaftliche Kraft weitgehend eingebüßt. Auch deshalb erscheint Frankreich immer mehr wie ein zusammenhangloses Ensemble, in dem sich unterschiedliche Bevölkerungsgruppen unversöhnlich gegenüberstehen. Ein „Archipel“ hat der Politikwissenschaftler Jérome Fourquet sein Land kürzlich getauft. Für sein Buch („L’Archipel français“) wurde er mehrfach ausgezeichnet, aber seine Analyse ist besorgniserregend. Frankreich zerfalle immer mehr in Interessengruppen, die Kohäsion schwinde. Im Niedergang des Katholizismus sieht er die wichtigste Ursache des langsamen Auflösungsprozesses.

          Frankreich nennt sich längst nicht mehr stolz die „älteste Tochter der Kirche“. Dennoch zeigt der spontane Elan, mit dem für den Wiederaufbau geworben wird, dass das Bewusstsein für das christliche Erbe nicht gänzlich verschwunden ist. Für das angeschlagene französische Nationalbewusstsein erscheint die Hilfs- und Spendenbereitschaft aus dem Ausland wie ein Wunder.

          Gerade im Verhältnis zu Deutschland hatten sich in Frankreich zuletzt die Zweifel gemehrt, ob die Freundschaftsbekundungen nicht zu leeren Worthülsen verkommen sind. Die deutsche Anteilnahme und die Hilfsangebote kommen deshalb zur rechten Zeit. Schon jetzt ist gewiss, dass der Brand ähnlich wie die Feuersbrunst in den Tuilerien 1871 politisch nachwirken wird.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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