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Norwegen : Das kranke Böse vor Gericht

Ein zweites Gutachten hält den geständigen Massenmörder Breivik für „geistig gesund“ Bild: dapd

Ein Teufel - oder nur ein besonders brutaler Verbrecher? Norwegen arbeitet sich seit fast acht Monaten am Massaker und den Anschlägen des selbsternannten Kreuzritters Anders Behring Breiviks ab. Jetzt beginnt in Oslo der Prozess gegen ihn.

          Mullah Krekars Fall wäre in anderen Zeiten der Prozess des Jahres vor dem Amtsgericht in Oslo gewesen. Vor zehn Jahren hat die amerikanische Staatsanwaltschaft den im Irak geborenen kurdischen Islamistenführer zum ersten Mal wegen seiner Verbindungen zum Terrornetz Al Qaida und zu Saddam Hussein angeklagt. Auch in seiner Heimat wird er gesucht. Doch Norwegen hat ihn bis heute nicht ausgeliefert.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dabei hat Krekar öffentlich vom Krieg zwischen dem Islam und der westlichen Zivilisation gesprochen und Attentate auf norwegische Politiker angekündigt, ist aber dann erfolgreich den Weg durch die von ihnen verteidigten rechtsstaatlichen Instanzen gegangen: Zu groß wäre das Risiko, dass er im Ausland gefoltert oder hingerichtet würde, deshalb durfte er bleiben. Vor drei Wochen wurde er in Oslo wegen seiner Morddrohungen zu einer Haftstrafe von fünf Jahren verurteilt. Doch davon hat kaum jemand Notiz genommen.

          Umfassendes Geständnis

          Denn Norwegen wartet auf eine Verhandlung am gleichen Ort, die am Montag beginnen und bis Ende Juni dauern soll. Dann, so haben es sich die Richter Wenche Elizabeth Arntzen and Arne Lyng vorgenommen, wollen sie ihr Urteil über Anders Behring Breivik verkünden.

          Gestanden hat Breivik längst, was in der Anklageschrift minutiös beschrieben wird: Er hat demnach am 22. Juli 2011 um 15.25 Uhr eine Autobombe im Regierungsviertel der norwegischen Hauptstadt gezündet, ist danach zum Sommerlager der norwegischen Jungsozialisten auf der Insel Utøya gefahren und hat dort, als Polizist verkleidet, mit einem halbautomatischen Gewehr und einer Pistole Jagd auf die zum Großteil minderjährigen Teilnehmer gemacht. Acht Menschen kamen in Oslo um, 69 auf Utøya, Hunderte wurden verletzt, bevor sich Breivik um 18.34 Uhr einem Sondereinsatzkommando ergab.

          Krudes Weltbild des selbsternannten Kreuzritters

          Nach den Paragrafen 147, 148 und 223 des Strafgesetzbuchs wirft ihm die Staatsanwaltschaft deshalb eine terroristische Handlung mit dem Ziel, die öffentliche Ordnung zu beeinträchtigen, und vielfachen vorsätzlichen Mord vor. Für schuldig indes hält sich der Geständige selbst nicht. Vor dem Haftrichter und im Verhör hat er seine Motive dargelegt und sich selbst als einen modernen Kreuzritter beschrieben: Norwegen sei - wie ganz Westeuropa - von einer Islamisierung bedroht, der die regierenden Sozialdemokraten Vorschub leisteten. Das rechtfertige das Blutbad.

          Dieses Weltbild ist so krude, dass die Zurechnungsfähigkeit seines Urhebers schnell in Frage gestellt wurde - auch wenn Fachleute sogleich einwandten, er habe es sich nur aus dem in den Untiefen des Internets unter dem Stichwort „Antidschihadismus“ reichlich vorhandenen Material als das Gegenstück zu jener Vorstellung vom Heiligen Krieg zusammenfischen müssen, die etwa Mullah Krekar bis zu seiner Verhaftung predigte.

          Zwei vom Gericht bestellte Psychiater attestierten Breivik nach stundenlangen Sitzungen im Dezember dennoch eine schwerwiegende Persönlichkeitsstörung. Er sei nicht schuldfähig, lautete ihr Resümee, als Höchststrafe komme daher nach der Strafprozessordnung nur eine lebenslange Sicherungsverwahrung in einer geschlossenen Anstalt, nicht aber Gefängnishaft in Frage.

          Diese Diagnose zogen postwendend nicht nur Fachkollegen, sondern auch die als Nebenkläger auftretenden Rechtsanwälte einiger Opferanwälte heftig in Zweifel. Zu akribisch sei die Tat über Jahre geplant und dann zu kaltblütig ausgeführt worden, argumentierten sie. Seit diesem Dienstag liegt nun auch das in solchen Streitfällen vorgeschriebene Zweitgutachten vor. Der Angeklagte sei weder psychotisch noch in seiner Entwicklung gestört, heißt es darin, dafür aber zu Wiederholungstaten in der Lage.

          Krank oder böse? Ein Teufel - oder nur ein besonders brutaler Verbrecher? Auch diese Frage werden nun die Osloer Amtsrichter und die assistierenden Schöffen selbst entscheiden müssen, da die Fachleute sich nicht einig sind. Seit knapp acht Monaten kreist Norwegen so schon um diesen Täter und sein Verbrechen, das alles in den Schatten stellt, was seit dem Zweiten Weltkrieg in dem Königreich vor Gericht verhandelt wurde.

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