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Nordkoreas Unterhändler : Er ist wieder da

Chefunterhändler Kim Yong-chol (l.) hier mit seinem Chef, Nordkoreas Diktator Kim Jong-un Anfang März in Vietnam Bild: AP

Ein angeblich getöteter Diplomat, ein angeblich ins Arbeitslager deportierter Chefunterhändler: Nachrichten aus Nordkorea sind oft zu bizarr, um wahr zu sein. Nicht alles ist falsch, aber vieles mindestens ungenau. Eine Analyse.

          Nordkorea ist zweifellos der repressivste Staat der Welt. Es gibt genügend bestätigte Berichte über politische Morde und Hinrichtungen. Allerdings ist auch die Zahl der Falschmeldungen über dieses verschlossene Land hoch, und oftmals stimmen die Details nicht. Jüngstes Beispiel: In der vergangenen Woche behauptete die auflagenstarke südkoreanische Tageszeitung „Chosun Ilbo“, der frühere nordkoreanische Geheimdienstchef Kim Yong-chol sei in eines der berüchtigten Arbeitslager gebracht worden, zur Zwangsarbeit, wie es hieß. Als Quelle nannten die Journalisten einen anonymen Informanten. Die Meldung barg auch deshalb Sprengstoff, da Kim Yong-chol als Nordkoreas Chefunterhändler die Gespräche mit Amerika im Vorfeld des Hanoi-Gipfels im Februar 2019 führte. Mehrmals traf er mit Washingtons Außenminister Mike Pompeo zusammen und später auch mit Präsident Trump.

          Wäre Kim Yong-chol tatsächlich in ein Arbeitslager in der Provinz Jagang gesteckt worden, so wäre dies ein kurzer Aufenthalt gewesen. Am Sonntag tauchte er wieder an der Seite des Diktators Kim Jong-un und dessen Frau Ri Sol-ju auf. Einmütig saßen sie bei einem Konzert in einer Reihe. Undenkbar, dass Kim einen in Ungnade gefallenen Mitarbeiter in der Öffentlichkeit derart nah an sich heranlässt – und sogar über die Staatszeitung „Rodong Sinmun“ ein Foto verbreiten lässt. Zwar ist Kim Yong-chol nach den ergebnislos abgebrochenen Verhandlungen mit Amerika in Hanoi als Chefunterhändler abgesetzt worden, im engeren Machtzirkel aber ist er immer noch.

          Der namentlich nicht genannte Informant der „Chosun Ilbo“ behauptete auch, Kim Jong-un habe einen weiteren Unterhändler mit Amerika, den früheren Botschafter in Spanien Kim Hyok-chol, und einige Mitarbeiter des Außenministeriums wegen angeblicher Spionage in Pjöngjang erschießen lassen. Diese Meldung ist weder bestätigt noch dementiert. Es wäre denkbar, dass sie zutrifft – sie kann aber ebenso wie die Nachricht über das Verschwinden Kim Yong-chols falsch sein. Möglich, dass Kim Hyok-chol in den nächsten Tagen in den Staatsmedien wieder auftaucht, quicklebendig und als sei nie etwas gewesen. Beide Fälle zeigen, wie schwierig es ist, Nachrichten aus Nordkorea zu verifizieren.

          Wieder dabei: Der angeblich verbannte Kim Yong-chol sitzt bei einem Konzert wieder in einer Reihe mit Kim Jong-un.

          Zumal es in der Vergangenheit eine Reihe ähnlicher Fälle gab: Im Mai 2016 erschien der angeblich hingerichtete frühere Armeechef Ri Yong-gil plötzlich wieder in der Öffentlichkeit. 2013 hieß es, Kim Jong-un habe die Funktionärin und Sängerin der in Nordkorea berühmten Staatsband „Moranbong“, Hyon Song-wol, exekutieren lassen. Angeblich, so die Begründung, habe sie Pornos gedreht und verkauft. Die angebliche Hinrichtung war eine weitere Falschmeldung der „Chosun Ilbo“: Hyon lebt und taucht seitdem immer wieder im Tross des Diktators auf. Im Vorfeld der Olympischen Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang 2018 spielte sie eine zentrale Rolle in der Wiederannäherung an Südkorea.

          Politische Morde und „Säuberungen“, wie politischer Mord häufig euphemistisch genannt wird, sind in Nordkorea seit den Zeiten, da Staatsgründer Kim Il-sung einen repressiven Überwachungsstaat aufbaute, in dem die Familie Kim das personifizierte Machtzentrum darstellt, ein übliches Mittel der Machtausübung. Auch im Ausland: 2017 wurde Kim Jong-uns älterer Bruder Kim Jong-nam am Flughafen von Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur ermordet, mutmaßlicher Drahtzieher ist Kim Jong-un. Erst in der vergangenen Woche warf die „Rodong Sinmun“ in einem Leitartikel namentlich nicht genannten Personen „parteischädigendes“ Verhalten vor. Solche Formulierungen erinnern an die Exekution von Jang Song-thaek. 2013 ließ Kim Jong-un seinen mächtigen Onkel hinrichten, nachdem er ihn öffentlichkeitswirksam aus einer Sitzung herausholen und vor einem Militärgericht hatte aburteilen lassen.

          Angeblich hingerichtet: Kim Hyok-chol (Mitte) im Februar 2019 in der vietnamesischen Grenzstadt Dong Dang

          In etlichen internationalen Meldungen hieß es danach, Jang sei Hunden zum Fraß vorgeworfen worden. Eine Falschmeldung, er wurde erschossen. Unkritisch übernahmen zahlreiche internationale Nachrichtenportale die Schreckensmeldung, die zu schaurig-bizarr daherkam, um wahr zu sei. Ursprünglich war sie in einer Hongkonger Zeitung aufgetaucht, um von dort aus über eine englischsprachige Singapurer Zeitung weltweit die Runde zu machen: bis nach Europa und Deutschland. Offenbar nimmt die Phantasie mancher Journalisten, aber auch vieler Leserinnen und Leser, solche „Nachrichten“, die häufig ihren Ursprung in Südkorea nehmen, dankbar auf. 

          Immer wieder fällt dabei die südkoreanische Zeitung „Chosun Ilbo“ negativ auf. „Vor allem der Politikteil der Zeitung ist problematisch“, sagt Hannes Mosler, der sich an der FU Berlin mit der koreanischen Halbinsel beschäftigt. Schon 1986 habe die Zeitung von Kim Il-sungs angeblichem Tod berichtet. Kim starb aber erst 1994. Der hauseigene Sender „TV Chosun“ soll besonders häufig fehlerhafte Meldungen über Nordkorea ausstrahlen. Ob das die Folge mangelnder journalistischer Sorgfalt oder Absicht ist, lässt sich schwer sagen. Mosler vermutet eine bewusste Politisierung, analog zum amerikanischen Sender „Fox News“, der für die amerikanische Rechte trommelt. „Chosun Ilbo“ steht im konservativen Meinungsspektrum Südkoreas dem liberalen und in Bezug auf Nordkorea offenen Kurs des Präsidenten Moon Jae-in kritisch gegenüber. Meldungen über politische Morde und Gräueltaten schaden der Politik Moons.

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